Mittwoch, 11. Mai 2011

Lebenszeichen, unterhaltsam

Portrait: Karl Friedrich Hieronymus Freiherr von Münchhausen
hier gefunden

Ich weiß, daß es manchmal den einen oder anderen hierher verirrt, weil er hofft, etwas Unterhaltsames aufzufinden, nicht daß ich dafür bisher hinreichend Anlässe geliefert hätte, aber es macht doch ein schlechtes Gewissen mitunter. Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen, der Anlaß der Geschichten vom „Lügen-Baron“ Münchhausen wurde am 11. Mai 1720 geboren. Der Blogger Jay hat in gewohnter Weise unterhaltsam über ihn geschrieben, und da dieses hier eher unterhalten soll, als meiner Selbstdarstellung dienen, verweise ich sehr gern auf ihn.



In der Sammlung von Gottfried August Bürger findet sich diese hübsche Passage, das übrige kann man hier nachlesen:

„So leicht und fertig ich im Springen war, so war es auch mein Pferd. Weder Graben noch Zäune hielten mich jemals ab, überall den geradesten Weg zu reiten. Einst setzte ich darauf hinter einem Hasen her, der queerfeldein über die Heerstraße lief. Eine Kutsche mit zwey schönen Damen fuhr diesen Weg gerade zwischen mir und dem Hasen vorbey. Mein Gaul setzte so schnell und ohne Anstoß mitten durch die Kutsche hindurch, wovon die Fenster aufgezogen waren, daß ich kaum Zeit hatte, meinen Huth abzuziehen, und die Damen wegen dieser Freyheit unterthänigst um Verzeihung zu bitten.

Ein andres Mal wollte ich über einen Morast setzen, der mir anfänglich nicht so breit vorkam, als ich ihn fand, da ich mitten im Sprunge war. Schwebend in der Luft wendete ich daher wieder um, wo ich hergekommen war, um einen größern Anlauf zu nehmen. Gleichwohl sprang ich auch zum zweytenmale noch zu kurz, und fiel nicht weit vom andern Ufer bis an den Hals in den Morast. Hier hätte ich ohnfehlbar umkommen müssen, wenn nicht die Stärke meines eigenen Armes mich an meinem eigenen Haarzopfe, samt dem Pferde, welches ich fest zwischen meine Kniee schloß, wieder herausgezogen hätte.“

Theodor Hosemann
Münchhausen zieht sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf
hier gefunden

Eine der sprichwörtlich gewordenen Geschichten. Und manchmal wünschte man sich wohl im übertragenen Sinne, dieses wäre tatsächlich möglich. Der Ritt auf der Kanonenkugel ist dann ja später zur Varieté-Nummer geworden. Wie wir kürzlich lesen mußten, geht das allerdings nicht immer glücklich für den Artisten aus. Und zur Illustration geben wir noch Herrn Albers dazu.


Montag, 9. Mai 2011

Dies & Das


Anton von Werner: Enthüllung des Richard-Wagner-Denkmals im Tiergarten, 1908

Da hatten wir gestern den schönen Gedanken von der Menschwerdung Gottes und heute brachte mich Herr Roloff dazu, etwas im 5. Buch Mose zu lesen. Und ist schon merkwürdig zuzusehen, wie das Göttliche in der Bibel langsam Gestalt gewinnt. In Kapitel 6 finden wir etwa die Verse 4 und 5, die zum Beginn des Glaubensbekenntnisses Israels wurden, dem berühmten „Schma Jisrael

„Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“

Dann wieder stoßen wir auf Stellen, die das Entstehen einer feineren Gesittung andeuten, so in Kapitel 24, Vers 19:

„Wenn du auf deinem Acker geerntet und eine Garbe vergessen hast auf dem Acker, so sollst du nicht umkehren, dieselbe zu holen, sondern sie soll des Fremdlings, des Waisen und der Witwe sein, auf daß dich der HERR, dein Gott, segne in allen Werken deiner Hände.“

Doch schon ein Kapitel weiter stoßen wir auf den größten Quark (Vers 11f.) : „Wenn zwei Männer miteinander hadern und des einen Weib läuft zu, daß sie ihren Mann errette von der Hand dessen, der ihn schlägt, und streckt ihre Hand aus und ergreift ihn bei seiner Scham, so sollst du ihr die Hand abhauen, und dein Auge soll sie nicht verschonen.“

Und spätestens dann wird deutlich, warum wir zwar in der Bibel Gott finden können und dürfen, aber sehr oft eben auch Spuren menschlicher Abirrungen bemerken müssen. Eine schwierige Geschichte.



José Ortega y Gasset, einer meiner Lieblingsdenker, wurde am 9. Mai 1883 geboren. Ich habe immer wieder gern einmal mit einem Zitat an ihn erinnert, etwa hier und hier. Und Ostern vergangenen Jahres gab es etwas mehr, nämlich aus seiner bemerkenswerten kleinen Schrift: "Um einen Goethe von innen bittend". Aber ganz ohne ihn neu zu zitieren, wollen wir es dann doch nicht ausgehen lassen - aus „Der Aufstand der Massen“:

„Der Massenmensch hätte niemals an etwas außerhalb seiner appelliert, wenn ihn die Umstände nicht mit Gewalt dazu gezwungen hätten. Da die Umstände ihn heute nicht mehr zwingen, verzichtet er, in Einklang mit seiner Anlage, auf jede Befragung und fühlt sich als Herr seines Lebens. Den auserlesenen oder hervorragenden Menschen dagegen kennzeichnet die innere Notwendigkeit, von sich fort zu einer höheren objektiven Norm aufzublicken, in deren Dienst er sich freiwillig stellt. Man erinnere sich, wie wir im Anfang den edlen Menschen von dem gemeinen unterschieden, indem wir sagten, daß jener viel von sich verlangt und dieser, von sich selbst entzückt, sich mit dem begnügt, was er ist.“ Dem großen Einzelnen sei sein Leben schal, „wenn er es nicht im Dienst für etwas Höheres verbraucht“. Wir dürfen anfügen, daß der Massenmensch bezweifeln wird, daß es dieses Höhere überhaupt gibt. Und weiter sagt Ortega y Gasset: „Adel erkennt man am Anspruch an sich selbst, an den Verpflichtungen, nicht an den Rechten.“

Jemand, der mir ebenfalls nicht ganz unsympathisch ist, ist der Maler Anton von Werner, der wurde am 9. Mai 1843 geboren, aber zum Glück sind mir schon einmal ein paar freundliche Bemerkungen zu ihm eingefallen, zu finden, so man dem ersten Link folgen will.

Und da Dieterich Buxtehude am 9. Mai 1707 starb, gab es noch dieses Stück von ihm.

Sonntag, 8. Mai 2011

Sonntag &

poorly translated

Ich bin ein wenig abwesend heute, darum nur ein kurzer Bericht des Üblichen. Wir hatten gefüllte Putenbrust (die Füllung bestand vor allem aus Champignons mit Zwiebeln und Knoblauch), dazu noch einmal Champignons, sozusagen als Gemüse. Aber dies mag wenigstens unterhaltsam erscheinen: Meine Frau Mutter machte kürzlich großen Lärm in ihrem Schlafzimmer. In einem der von ihr kaum noch benutzten Bücherregale hatten sich Wespen ein formidables Nest gebaut, und ihr fiel dann doch auf, daß die Wespen so bestimmt durch das leicht geöffnete Fenster zu dem gewissen Regal flogen, und ihre Vermutung, daß dies nicht irgendeinem Bildungshunger geschuldet war, bestätigte sich schnell. So hatten wir also als Folge viel Lärm und einige heimatlose Wespen


I'm a little absent today, so only a brief report about the usually. We had stuffed turkey breast (the filling consisted mainly of mushrooms with onions and garlic), served with mushrooms again, as the vegetable so to speak. But this may appear entertaining: My elderly mother recently made big noise from her bedroom in the morning. In one of her hardly used bookshelves wasps built a formidable nest, and she recognised that the wasps flew so certainly through the slightly open window to a certain shelve, and her presumption that this wasn’t owed to any hunger for education was confirmed quickly. So we had some noise as a result and some homeless wasps too.


Misericordias Domini



Herr Roloff erwies mir den Gefallen, mir seine Predigt zum heutigen Sonntag Misericordias Domini zuzusenden. Dafür bin ich insbesondere aus zwei Gründen dankbar: Zum einen enthebt es mich der Pflicht, etwas zum heutigen Datum anzumerken, zum anderen fand ich in ihr einen bemerkenswerten Gedanken, den ich vorher noch nirgends gefunden hatte.

Bekanntlich verändert sich das Bild von Gott in der Bibel. Christen sehen sich daher schnell dem Einwurf ausgesetzt, dies sei doch ein offenkundiger Hinweis, wie sehr hier alles menschliche Projektion sei. Herr Roloff nun wendet die Perspektive und sagt, dieses Sich-verändern begleite die Menschwerdung Gottes. Oder mit meinen Worten, Gott nähert sich der menschlichen Natur an und verändert dabei zugleich diese und sich, faszinierend. Begleitet wird unser Text übrigens von Bildern, die einige Jahre zurückliegen.



Hes 34, 1-16.31

Der Friede des Auferstandenen sei alle Zeit mit euch!

Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext gibt uns die Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit einem der „Großen Propheten“ des Alten Testaments. Jesaja, Jeremia, Daniel und Hesekiel stehen in ihrer Vierzahl in einer gewissen Weise den vier Evangelisten des Neuen Testaments gegenüber. Hesekiel oder Ezechiel, wie er manchmal genannt wird, lebte im 6. vorchristlichen Jahrhundert, war Priester und gehörte zu den ersten Judäern, die nach der Eroberung Jerusalems und der Gefangennahme des Königs Jojachins in das Exil nach Babylon verschleppt wurden.

Es hat sich nun so gefügt, dass wir dieses Gedenken heute am 8. Mai begehen, dem Tag, an dem in Europa vor 66 Jahren der zweite Weltkrieg endete. Alle, die das erlebt haben, besitzen eine unauslöschliche Vorstellung davon, was Eroberung und Zerstörung und der anschließende Verlust der Heimat bedeuten. So erging es auch den Judäern, deren Prophet Hesekiel im Exil an den Wassern Babels geworden ist.

Mit machtvollen Worten geißelt er zunächst die „Götzenanbetung“ und die zahllosen Sünden seiner Landsleute, die nach seiner Überzeugung der tiefere Grund für die Niederlage und die Gefangenschaft waren.

Ist es nicht bedrückend, wie deutlich uns inzwischen die Tatsache gegenüber getreten ist, dass das zutiefst Abgründige und eigentlich Böse des nationalsozialistischen Regimes in seinem Heidentum und in seiner Götzenanbetung gelegen hat?

Es war den Judäern der Zeit Hesekiels nicht verständlich, dass sie ausgerechnet durch die Babylonier, die sie für Heiden hielten, geschlagen und letztlich vernichtet wurden. Jerusalem und der Tempel gingen unter, und die Spötter Jahwes triumphierten.

Ähnlich unbegreiflich war es vielen Deutschen nach 1945, dass nun ausgerechnet der Bolschewismus große Teile des alten christlichen Europas unter seine Herrschaft nahm und ganz und gar ungehemmt das im Krieg begonnene Zerstörungswerk langsam aber stetig vollendete.

Immer aber hat sich Gott in der Geschichte nicht als ein Herr über das eine oder das andere Volk erwiesen, sondern als Herr aller Reiche und Nationen. Darum steht nun auch weiter zu erwarten, dass der wahre Glaube an diesen einen Herrn uns aus dem Verwesungsgeruch der Ideologien, der noch immer über unserem Kontinent liegt, herausführt, und uns zur wirklichen vollkommenen Freiheit befreit, wie sie auch Hesekiel in der Gefangenschaft in Babylon erhofft und voraussagt, und wie sie nur in der Wahrheit dauerhaft gefunden und gegründet werden kann.

Ein bemerkenswertes Charakteristikum der Verkündigung Hesekiels ist in diesem Zusammenhang die innere Entwicklung, die Gott nimmt. Gott berichtigt sich und seine Gesetze, passt sie scheinbar einer neuen Zeit an.

Es heißt nun: „Ein Sohn soll nicht die Schuld des Vaters, noch ein Vater die Schuld des Sohnes mittragen. Nur dem Gerechten kommt seine Gerechtigkeit zugute, und nur über den Gottlosen kommt seine Gottlosigkeit.“ Hes 18, 20.

Auch bekommt die Heilsverkündigung ein humanistisches Ziel, wenn Gott spricht: „Habe ich etwa Wohlgefallen am Tode der Gottlosen und nicht vielmehr daran, dass er sich von seinem Wandel bekehre und am Leben bleibe?“ Hes 18, 23

Ja, Gott selbst räumt tatsächlich Fehler ein: „So habe denn auch ich Satzungen gegeben, die nicht gut waren, und Gebote, durch die sie nicht am Leben bleiben konnten. Ich ließ sie unrein werden durch ihre Opfergaben, indem sie alle Erstgeburt durchs Feuer gehen ließen; ich wollte ihnen Entsetzen einjagen, auf dass sie erkennen, dass ich der Herr bin.“ Hes 20, 25-26

Die Spötter und Verächter der Religion haben das oft zum Anlass genommen, um den Nachweis davon zu führen, dass Gott ein auf menschlicher Grundlage ausgedachtes und nur abgebildetes Wesen ist. Für sie war ein Gott, der sich verändert, der sich weiterentwickelt, kein Gott mehr. Die Spötter und Verächter aller Zeiten wissen merkwürdiger Weise immer besser, wie Gott ist oder wenigstens, wie er sein müsste, um denjenigen hohen Ansprüchen zu genügen, die sie aufrichten, die doch nicht an ihn glauben.

Ich aber bin der festen Meinung, dass sich in diesen Prophetien Hesekiels eine Art Vermenschlichung Gottes ausdrückt, die in ihrem Kern ein früher Hinweis auf die Menschwerdung Gottes ist. Die Menschwerdung Gottes ist ein so umwälzendes Ereignis, dass sie Propheten in ihren Ahnungen schon lange erreicht hatte, bevor sie ganz offenbar wurde.



Dieser machtvolle und einzigartige Mann Hesekiel ist es nun, der uns unser Predigtwort zum Hirtensonntag „Misericordias Domini“ liefert.

Es ist eines der immer aktuellen Worte der Bibel, weil es sich an alle richtet, die Macht haben im Staat und in der Kirche, und die damit nach christlichem Verständnis das Hirtenamt ausüben, und die all ihr Tun ganz und gar auf das Wohl der Herde ausrichten sollen. Es liegt mir ganz fern, diese Sätze nun vordergründig zu popularisieren. Jeder soll sich seine eigenen Bilder vor Augen rufen und damit die Hirten der Gegenwart richten.

Ich will nur das wiederholen, was ich schon häufiger gesagt habe, und wovon ich überzeugt bin: Man kann als Mensch die Welt zum Guten nur verändern durch das Beispiel das man ihr gibt. Der Hirte ist dazu bestimmt, der Herde voranzugehen. Die Herde ist nicht der Schauplatz seiner eitlen Bedeutung.

Es ist Aufgabe des Hirten, die Einheit und den Zusammenhalt der Herde zu wahren. Es ist nicht gut, dass stets und überall sich Vereinzelungen, Parteien und Interessengruppen bilden, die gegeneinander streiten. Entscheidender ist immer, dass uns sichtbar und auch spürbar bleibt, was uns miteinander verbindet.

Zwei Motive sind für die Vorstellung vom Hirten und von der Herde maßgeblich.

1. Der Hirt hat keine Autorität aus sich selbst. Er ist Sachwalter desjenigen, dem die Schafe gehören. Er ist ihm verantwortlich. Er hat seinem Wort gehorsam zu sein, soll das Schwache stärken, die Kranken heilen, das Verwundete verbinden, das Verirrte zurückholen, das Verlorene suchen, was aber stark und fett ist soll er behüten und so die Herde weiden, wie es recht ist. In diesen 2.600 Jahre alten Worten ist alles ausgebreitet, was zu einem sozialen Gemeinwesen notwendig gehört und auch heute unter uns vollkommen unstrittig sein sollte.

2. Das Bild des Hirten und der Herde geht aber noch weit über die beinahe nur „landwirtschaftlich“ gedachten Zusammenhänge heraus. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen Hesekiels und unserer Erfahrungen, die sich mit dem 8. Mai 1945 verbinden, soll immer wieder daran erinnert werden, dass es Aufgabe aller Hirten ist, den Frieden zu wahren und die Herde behütet durch diese Welt zu führen und letztlich dem entgegen, der der eigentliche und ewige Hirte ist. Ohne den Glauben an den einen Guten Hirten gibt es gar keine guten Hirten, es gibt auch das Amt des Hirten nicht mehr. Ohne den Glauben an den einen Guten Hirten löst sich die Herde auf, verirrt sich, wird zerstreut. Die fortdauernde Zerstreuung des Volkes Israel in der Welt ist der eindrücklichste Beleg für die Folgen aus dem Fehlen dieses Glaubens.

Das Amt des Hirten im Staat und besonders natürlich in der Kirche hat nur dann einen wirklichen Gemeinschaft stiftenden Sinn, wenn es ein klarer Hinweis auf den Ewigen Hirten ist, der gesprochen hat: „Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr.“

Amen

Der Friede des Auferstandenen, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, sei mit euch allen.

Amen
Thomas Roloff

Freitag, 6. Mai 2011

Nicht über Benimm-Regeln

Franz von Lenbach, Fürst Otto von Bismarck, 1895
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Adolph Freiherr von Knigge (fälschlich fast nur als der Verfasser eines Benimmbuches bekannt, das er nie geschrieben hat) starb am 6. Mai 1796. Mein erster Impuls war, oh dein eigenes Exemplar von „Über den Umgang mit Menschen“ ist derart zerlesen, da sollte sich schnell ein kleines Florilegium zusammenstellen lassen. Denn obgleich er wohl ein Jakobiner war, das Buch ist immer noch eine Fundgrube, voll von verblüffenden Beobachtungen und zeitlos gültigen Ratschlägen, fast immer unterhaltsam, allerdings gelegentlich verfällt auch er doch ein wenig ins schwadronieren. Nun mein Problem, stellte sich heraus, war, ich fand das Buch nicht. Also mußte ich neu zu lesen beginnen, man kann es übrigens hier online finden. Und so gibt es nur ein paar Zitate aus dem 3. Teil.

Zu den Illustrationen: Ich mochte nicht übergehen, daß Franz von Lenbach, der bedeutende Porträtist Bismarcks am 6. Mai 1904 starb. Zu ihm wäre einiges zu sagen, wahrscheinlich würde jedoch sein Stern etwas heller strahlen, wenn er nicht der Versuchung nachgegeben hätte, sein Talent allzu freimütig auszubeuten. Aber das haben andere bekanntere Maler auch getan, man denke nur an Rubens oder Picasso. Diesmal also nur einige Bilder von Lenbach, die nachfolgenden Bemerkungen des Freiherrn flankierend.

„Beurteile nicht den moralischen Charakter des Gelehrten nach dem Inhalte seiner Schriften. Auf dem Papiere sieht der Mann oft ganz anders aus als in natura. Auch ist das so übel nicht zu nehmen. Am Schreibtische, wo man die ruhigste Gemütsverfassung wählen kann, wenn keine stürmischen Leidenschaften unsern Geist aus seiner Fassung bringen, da lassen sich herrliche moralische Vorschriften geben, die nachher in der wirklichen Welt, wo Reizung, Überraschung und Verführung von seiten der berüchtigten drei geistlichen Feinde uns hin und her treiben, nicht so leicht zu befolgen sind. Also soll man freilich den Mann, der Tugend predigt, darum nicht immer für ein Muster von Tugend halten, sondern auch bedenken, daß er ein Mensch bleibt, ihm wenigstens dafür danken, daß er vor Fehlern warnt, wenn er selbst auch nicht stark genug ist, diese Fehler zu vermeiden…“

Franz von Lenbach, Gewitterstimmung, 1855
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„Eine andre Art von Ungerechtigkeit gegen Schriftsteller und Künstler begeht man, wenn man von ihnen erwartet, sie sollen auch im gemeinen Leben nichts als Sentenzen reden, nichts als Weisheit und Gelehrsamkeit predigen. Der Mann, der am glänzendsten von einer Kunst schwätzt, ist darum nicht immer der, welcher die gründlichsten Kenntnisse davon besitzt. Es ist nicht einmal angenehm und schmeckt nach Pedanterie, wenn wir jeden ohne Unterlaß von unsern eigenen Lieblingsbeschäftigungen unterhalten. Man geht in Gesellschaften, um sich zu zerstreun, um auch einmal andre als sich selber zu hören. Nicht jeder hat so viel Gegenwart des Geistes, mitten im Getümmel, und wenn er durch Fragen und Vorwitz überrascht wird, mit Würde und Bestimmtheit von Gegenständen zu reden, die er vielleicht zu Hause in seinem einsamen Zimmer mit der größten Klarheit durchschaut. Und dann gibt es auch Gesellschaften, in welchen die Leute so gänzlich anders als wir gestimmt sind, die Dinge von so durchaus andern Seiten ansehen, daß es nicht möglich ist, in dem ersten Augenblicke sich so zu fassen, daß man etwas Gescheutes auf das antworte, was sie uns vortragen.“

„Die unglückliche Polyhistorei, die Wut, auf allen Zweigen der Wissenschaften und Künste herumzuhüpfen, sich zu schämen, daß irgend etwas unter der Sonne sein dürfte, worüber wir nicht räsonieren konnten, ist nicht eben das, was unserm Zeitalter am mehrsten Ehre macht, und wenn es langweilig ist, einen Mann alle Gespräche auf seinen Lieblingsgegenstand lenken zu hören, so ist es mehr als langweilig, es ist empörend, wenn ein Schwätzer entscheidende Urteile über Dinge ausspricht, die gänzlich außer seinem Gesichtskreise liegen,… mich ekelt vor den allwissenden, rezitierenden jungen Herrn, mit denen man denn so zuweilen einmal das Unglück hat, in Gesellschaft zu kommen, die den bescheidenen, zweifelnden Forscher mit Machtsprüchen zu Boden schlagen und die, besonders wenn sie von liebenswürdigen gelehrten Damen amüsant gefunden, ganz unausstehlich werden.“

„Alle riechen den Weihrauch gern, der ihnen gestreut wird, aber nicht jeden darf man auf gleich grobe Art einräuchern. Der eine nimmt vorlieb, wenn Du es ihm grade in den Bart sagst: er sei ein großer Mann; der andre ist zufrieden, wenn Du nur ohne Widerspruch erlaubst, daß er dies selbst von sich sage; der dritte verlangt nichts von Dir als Hiobs Geduld, wenn er Dir seine elenden Produkte vorliest; den vierten kitzelt eine kleine vorteilhafte Anspielung auf irgendeine Stelle aus seinen Schriften; dem fünften behagt äußere ausgezeichnete Ehrerbietung, wenn auch von seiner Autorschaft nicht ausdrücklich Erwähnung geschieht, und ein sechster endlich – es sei mir erlaubt, neben diesem mein Plätzchen zu nehmen! – begnügt sich, wenn die wenigen Edeln ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen zu glauben, daß es ihm wenigstens um Wahrheit und Tugend zu tun sei, daß er nichts geschrieben habe, dessen sein Herz sich zu schämen brauchte, und daß, wenn seine Werke keine Meisterstücke sind, sie sich doch auch nicht ausschließlich zu Rosinentüten qualifizieren.“

„Auch kann ich das Zitieren und Berufen auf fremde Autoritäten wie überhaupt alles Prahlen und Schmücken mit fremden Federn nicht leiden. Das mittelmäßigste selbst Gedachte und mit Überzeugung Gefühlte ist für uns mehr wert als das Vortrefflichste, das wir bloß nachlallen.“

Franz von Lenbach, Porträt Kaiser Franz Joseph, 1873
hier gefunden

Ich sprach davon, daß er gelegentlich etwas in schwadronieren kommt (man blicke nur auf das Kapitel „Über den Umgang mit Frauenzimmern“), mitunter werden die Grenzen seines Denkhorizontes auch recht deutlich, etwa wenn er meint „daß die schönen Künste … am Ende zum Hauptzwecke nur das Vergnügen haben, folglich im Werte für das Glück der Welt den höhern, wichtigern, ernsthaftern Wissenschaften nachstehn müssen“. Das ist natürlich etwas platt, aber zumindest begründet er diese Auffassung ganz ordentlich und warnt dabei recht hübsch vor zuviel Kunstgenuß:

„Musik, Poesie, Schauspielkunst, Tanz und Malerei wirken freilich wohltätig auf das Herz. Sie machen es weich und empfänglich für manche edle Gefühle; sie erheben und bereichern die Phantasie, schärfen den Witz, erwecken Fröhlichkeit und Laune, mildern die Sitten und befördern die geselligen Tugenden. Allein eben diese herrlichen Wirkungen können, wenn sie übertrieben werden, mannigfaltiges Elend veranlassen. Ein zu weiches, weibisches, von allen wahren und eingebildeten, eignen und fremden Leiden in Aufruhr zu bringendes Gemüt ist wahrlich ein trauriges Geschenk; ein Herz, das, empfänglich für jeden Eindruck, wie ein Rohr von mannigfaltigen Leidenschaften hin und her zu bewegen, jeden Augenblick von andern sich durchkreuzenden Empfindungen hingerissen wird; ein Nervensystem, auf welchem jeder Betrüger, der nur den rechten Ton zu treffen weiß, nach Gefallen spielen kann – das alles wird uns sehr zur Last da, wo es auf Festigkeit, unerschütterlichen männlichen Mut, auf Ausdauer und Beharrlichkeit ankommt. Eine zu warme, zu hochfliegende Phantasie, die allen unsern geistigen Anstrengungen einen romanhaften Schwung gibt und uns in eine Ideenwelt versetzt, kann uns in der wirklichen Welt teils sehr unglücklich, teils zu gänzlich unbrauchbaren Menschen machen. Sie spannt uns zu Erwartungen, erregt Forderungen, die wir nicht befriedigen können, und erfüllt uns mit Ekel gegen alles, was den Idealen nicht entspricht, nach welchen wir in der Bezauberung wie nach Schatten greifen. Ein luxuriöser Witz, eine schalkhafte Laune, die nicht unter der Vormundschaft einer keuschen Vernunft stehen, können nicht nur leicht auf Unkosten des Herzens ausarten, sondern würdigen uns auch herab, verleiten zu Spielwerken, so daß wir, statt der höhern Weisheit und nüchternen Wahrheit nachzustreben und unsre Denkkraft auf wahrhaftig nützliche Gegenstände zu verwenden, nur den Genuß des Augenblicks suchen, und statt mitten durch die Vorurteile hindurch in das Wesen der Dinge einzudringen, uns bei den glänzenden Außenseiten verweilen.

Fröhlichkeit kann in Zügellosigkeit, in Streben nach immerwährendem Taumel übergehn. Milde Sitten verwandeln sich nicht selten in Weichlichkeit, in übertriebene Geschmeidigkeit, in niedre, unverantwortliche Gefälligkeit, die alles Gepräge von männlichem Charakter abschleifen und ein Leben, das bloß den geselligen Freuden und dem sinnlichen Vergnügen gewidmet ist, leitet uns fern von allen ernsthaften Geschäften, bei welchen der spätere, aber sichere, dauerndere Genuß durch Überwindung von Schwierigkeiten und durch anhaltende Arbeit und Anstrengung erkauft werden muß; es macht uns die für Geist und Herz so wohltätige Einsamkeit unerträglich, macht uns ein stilles häusliches, den Familien-und bürgerlichen Pflichten gewidmetes Dasein unschmackhaft – mit einem Worte, wer sich gänzlich den schönen Künsten widmet und mit den Priestern ihrer Gottheiten sein ganzes Leben verschwelgt, der wagt es darauf, sein eignes dauerhaftes Wohl zu verscherzen und wenigstens nicht so viel zur Glückseligkeit andrer beizutragen, als er nach seinem Berufe und nach seinen Fähigkeiten vermöchte.“

Dies alles war aus dem Kapitel „Über den Umgang mit Gelehrten und Künstlern“, nur aus diesem, weil ich ihn etwas zusammenhängender zu Wort kommen lassen wollte. Knigge hat am Ende des Buches recht überzeugend die rechtschaffenen Motive zusammengefaßt, die ihn bei der Abfassung seines Werkes bewegten, und in der Tat, es mag in dieser Hinsicht immer noch hilfreich sein:

„Ich verachte den Satz, daß man aus den Menschen machen könne, was man wolle, wenn man sie bei ihren schwachen Seiten zu fassen verstünde. Nur ein Schurke kann das und will das, weil nur ihm die Mittel zu seinem Zwecke zu gelangen, gleichgültig sind; der ehrliche Mann kann nicht aus allen Menschen alles machen und will das auch nicht; und der Mann von festen Grundsätzen läßt auch nicht alles aus sich machen. Aber das wünscht und das kann jeder Rechtschaffene und Weise bewirken, daß wenigstens die Bessern ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen; daß niemand ihn verachte; daß er Frieden von außen her habe; daß man ihn in Ruhe lasse; daß er Genuß aus dem Umgange mit allen Klassen von Menschen schöpfe; daß andre ihn nicht mißbrauchen oder bei der Nase herumführen.“

Mittwoch, 4. Mai 2011

Spaziergang



„Sic transit gloria mundi“. Oder mit Worten des Hebräerbriefs: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“. So ein Garten ist doch auch immer wieder ein schöner Spiegel der Vergänglichkeit, wenn es denn ein schöner Garten ist, und wir werden von ihm daran erinnert, daß alle Dinge so vergänglich sind wie letztlich wir selbst. Noch eben erfreuten uns die Tulpen, und sehen jetzt bereits so aus.


Die Zeit der Frühlingsblumen geht also zu Ende, dabei hatten wir gerade noch die Gefahr von Nachtfrösten, und es stand zu fürchten, daß die Blüten der Apfelbäume erfrieren würden, wie nicht selten geschehen in der Vergangenheit. Diesmal aber nicht, wie an diesem Zweig des Cox Orange zu sehen.


Auch der Holzapfelbaum erfreut uns wieder mit seinen Blüten.



So wie der Flieder.


Meine 5 Töpfe mit Amaryllis machen derzeit einen vielversprechenden Eindruck. Die anderen 4 sehen ähnlich aus. Kurioserweise geben diese Blumen von sich aus zu verstehen, wann sie ihre Ruhephase für beendet halten, und dann müssen sie halt unter der Treppe hervorgeholt werden.


Ich dachte, da ich gerade wegen der ausbleibenden Beiträge gescholten wurde, ich bringe zwischendurch diesen kurzen Gartenspaziergang, zumal ich gerade an Schwererem herumkaue. Ein Garten neigt eher dazu, friedvolle Gemütsregungen zu erzeugen und so ist die Gesamtstimmung dieses Orts wieder etwas gewahrt. Und damit beenden wir denn diesen kleinen Gartenpost, während ich noch über der Frage nachsinne: Vergeht mit den Dingen eigentlich auch die Schönheit der Dinge oder bleibt diese in irgendeiner unbegreiflichen Form in der Ewigkeit aufgehoben und bewahrt?


Sonntag, 1. Mai 2011

Quasimodogeniti

poorly translated

Da der nunmehr selige Johannes Paul II. heute am Sonntag Quasimodogeniti zur Ehre der Altäre erhoben wurde und ich nicht wußte, wo ich danach mit meiner Rührung hin sollte, habe ich einfach etwas aufwendiger gekocht: Einen Schweinerückenbraten mit einer Kräuterkruste aus Salbei, Thymian, Rosmarin und Petersilie. Dazu Herzogin-Kartoffeln, Spargel (den ersten des Jahres) und zwei Salate, einen einfachen Gurkensalat und einen etwas aufwendigeren gemischten Salat (aus eingelegten Gurken, Oliven und Paprika, Tomaten und Fetakäse mit Olivenöl und viel frisch gemahlenem Pfeffer). Für den Fall, daß dies für jemanden von Interesse ist.

Übrigens ging mir während der Meßfeier so durch den Kopf: Sollte es einen Römer, sagen wir des 4. Jahrhunderts nach Christus, durch irgendein merkwürdiges Ereignis heute dorthin verschlagen haben, ihn dürfte der merkwürdige Akzent verwundert haben, aber im Großen und Ganzen hätte er sich wohl zurechtgefunden, was für ein seltsam schöner Gedanke.


Since I didn’t know what to do with my overwhelming feelings after the Beatification of John Paul II on this Quasimodo Sunday, I just cooked a bit more ambitious: a saddle of pork roast with an herb crust of sage, thyme, rosemary and parsley. Duchesse potatoes, asparagus (the first of the year) and two salads, a simple cucumber salad and a somewhat more complex mixed salad (of pickled cucumbers, olives and peppers, tomatoes and feta cheese with olive oil and freshly ground pepper). In case this is of interest for someone.
By the way, during the Mass I thought: If a Roman, let’s say from the 4th Century A.D., caused by a strange incident would have been attend there today, he would have been certainly surprised by the strange accent, but by and large he wouldn’t probably felt out of place, what a strange and beautiful idea.