Sonntag, 11. Oktober 2015

Sonntag & (kurz nachgetragen)


Zitrusbäume sind doch fiese Viecher. Da holt man sie wegen des irritierend frühen Frosteinbruchs mühselig in die Wohnung, und dann versuchen sie gleich, einem mit ihren ekligen Dornen ins Gesicht zu stechen. Nun steht er also doch im Erker. Das erste Bild gibt davon einen mäßigen Eindruck.

Und man bekommt zugleich vielleicht eine Ahnung davon, wie es ist, als Besichtigungs-Gegenstand für gelangweilte Touristen herhalten zu dürfen.

Wir sind derzeit frisch wie ein Blätterhaufen im Gespensterwald, mit anderen Worten - heftig erkältet. Geistig somit eher inaktiv. Darum nur ein kurzer Nachtrag. Der Sonnabend war noch halb nett, ich schlief auf der Couch ein, und kurz nach 9 Uhr erwachend war etwa der dritte Gedanke, du hast kein Katzenfutter mehr...

Ich eilte also zum letzten späten Geschäft und bekam auf dem Rückweg sogar noch etwas vom verkaufsoffenen Sonnabend hier in der Residenzstadt mit, genauer gesagt dessen sich auflösende Reste, mit Schlager, Feuertänzern und Mittelalter. Und wie ein Eingeborener habe ich mir natürlich was mit Glassteinen andrehen lassen (*grr).


Zum Essen: Man erinnert sich vielleicht noch an das etwas zu zähe Fleisch vom letzten Sonntag, das aber eine recht ordentliche Sauce abgab. Nun, das ruhte tiefgekühlt vor sich hin und wurde jetzt wiedererweckt, um ein Gulasch abzugeben. Zwischenzeitlich hatte Frau Mutter Besuch von ihrer ältesten Freundin erhalten, die hatte ebenfalls eines mitgebracht, und diesmal, Überraschung, wurde sogar die Paprika akzeptiert. Es war auch sonst recht ordentlich. Die Überbleibsel davon wurden also hinzugegeben. Weitere Zutaten waren nur noch viel saure Sahne, noch mehr eingelegte Paprikastücke und kleingeschnittene eingelegte Gurken, die kurz mitkochten, denn eigentlich war das Ganze ja bereits fertig.

Frau W. fand dann doch noch einen Ausweg, ihr Mißvergnügen auszudrücken - die Gurkenstücke wurden akribisch an den Rand des Tellers gedrängt. Denn den Geschmack der Sauce vom letzten Sonntag hatte sie nun mal gelobt, das Gulasch ihrer ältesten Freundin sowieso, Sahne mag sie in jeder Form. Da war sie ein wenig in der Zustimmungsfalle, aus der ich ihr mit den Gurken freundlich heraushalf.




Man mag es mir nachsehen, daß meine Fähigkeit zur gehobenen Konversation gerade quasi nicht vorhanden ist, so, wo bleibt das Unterhaltende? Da kam mir der Großherzog Georg von gegenüber zu Hilfe. Der hat nämlich rege mit Goethe korrespondiert, letzteren hatte ich gerade entstaubt, da fielen mir seine Venezianischen Epigramme in die Hand, und ich dachte anmaßenderweise, mein Gott der Mann hatte mitunter (dies sei einschränkend betont, seinem Christentum etwa, so er eines hatte, ist Italien gar nicht bekommen) doch wirklich Einsichten, daß er Sprache hatte, will ihm gar niemand bestreiten. Also enden wir ganz vorgetäuscht bildungsbürgerlich mit demselben.


Alle Freiheits-Apostel, sie waren mir immer zuwider;
Willkür suchte doch nur jeder am Ende für sich.
Willst du Viele befrein, so wag' es, vielen zu dienen.
Wie gefährlich das sei, willst du es wissen? Versuch's!

Frankreichs traurig Geschick, die Großen mögen's bedenken;
Aber bedenken fürwahr sollen es Kleine noch mehr.
Große gingen zugrunde: doch wer beschützte die Menge
Gegen die Menge? Da war Menge der Menge Tyrann.

Fürsten prägen so oft auf kaum versilbertes Kupfer
Ihr bedeutendes Bild; lange betrügt sich das Volk.
Schwärmer prägen den Stempel des Geists auf Lügen und Unsinn;
Wem der Probierstein fehlt, hält sie für redliches Gold.

Tolle Zeiten hab ich erlebt, und hab nicht ermangelt,
Selbst auch töricht zu sein, wie es die Zeit mir gebot.

aus: Johann Wolfgang von Goethe, Venezianische Epigramme

nachgetragen Mitwoch früh

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And a “translation” I wrenched from myself at last


Citrus trees are undoubtedly nasty critters. Since because of the irritating early frost you try with heavy effort to find a place for it in the house, and the same time it tries to sting you into the face with its ugly thorns. Now it stands in the oriel. The first image gives a moderate (rather mediocre) impression.

And maybe you get an idea of what it's like to be obviously a sightseeing object for bored tourists (sitting behind the oriel windows).

We feel currently fresh as a pile of leaves in the Haunted Woods, in other words - a fierce cold. Mentally thus rather inactive. Therefore only a short addendum. The Saturday was still half nice, I fell asleep on the couch, and woke shortly after 9 clock in the evening, my 3rd thought was – you own no cat food anymore...

So I hurried to the last late shop and got on my way back slightly an impression from the sale open Saturday here at down-town, more precisely its disintegrating remains, with pop “music”, fire dancers and some medieval entertaining on the marketplace. And like a stupid native from the past, I let myself be impressed by glass stones (*grr).

About the dish. You may still remember the a little too chewy meat from last Sunday, that at least gave a decent sauce. Well, it rested frozen and was now brought back to deliver a goulash. Recently dear mother had received a visit from her oldest friend who had also brought one, and this time, surprise, even the bell pepper was accepted. It was otherwise fairly decent. So I got the idea. Both remnants were put together. Other added ingredients were just a lot of sour cream, more pickled peppers and pieces of chopped pickled gherkins, it was cooked only briefly, because actually the whole thing was already finished, just a bit unpleasantly cold.

And finally Mrs. W. found a way to express her displeasure - the cucumber pieces were meticulously placed on the edge of the plate. Because she praised already the taste of the sauce from last Sunday, the goulash of her oldest friend anyway, cream she likes in any form. So she was a little in the consent trap from which I helped her out friendly with the cucumbers.

One may see that my ability to appear thoughtful is just quasi non-existent, so, where is the Amusing? Thankfully Grand Duke George from the opposite shows me a way out. He had a lively correspondence with Goethe, Goethe I had just dusted, more precisely some of his books. I remembered his Venetian epigrams, and reading it I thought pretentious well no one doubts that he knows language, but sometimes he even had insights (this is said limiting; for his his Christianity e.g., if he even possessed one, Italy wasn't very conducive). So we end up with this borrowed spirit.

[I found some, of course copyrighted, translations, if you'll follow the link you'll see the text immediately.

It starts with: No. 50 (there are various counts) “All those preachy apostles of freedom, I never could bear them...” You can find it here. Mr. Ken Cockburn (I learned the origin of the name is not as silly as the unsagacious one might assume) translated it, as well as the third in my small selection (his No. 56): “Autocrats will mint, on thinly silvered copper...”

My 2nd piece - “France's pitiable fate, the great may reflect on its meaning...” - is from a translation I found in this book p 127 No. 53].

And the last one means something like: “Crazy times I've experienced and I haven't left out / being foolish myself as it suited the time.”

Kommentare:

DirkNB hat gesagt…

Ist es an mir, Goethe zu kritisieren? Nein. Aber ich mach's trotzdem, auf die Gefahr hin, die eine Kunstform mit der anderen zu verwechseln. Aber waren Epigramme - der reinen Lehre nach - nicht 5-Zeiler? A-A-B-B-A? Oder bringe ich da mal wieder die einen mang die anderen?
Aber wer, wenn nicht Goethe, hätte die Kraft, sich reinen Lehren zu widersetzen.

Das Prinzip der Sollbruchstelle (im konkreten die Rolle der Gurken) ist mir durchaus bekannt. Zu Zeiten, als ich noch in einer großen hiesigen Firma arbeite und wir alljährlich für die Leitung unsere Investitionsplanung für das kommende Jahr zusammenstellten, bauten wir auch immer ein paar Sollbruchstellen ein. Damit die Geschäftsführung auch was zu streichen hat. ;-) Die Sachen waren zwar nicht sinnlos, aber eher ein nice to have als ein must have. In einem Jahr passierte es dann allerdings, dass nach der Abgabe und der Verteidigung im wesentlichen die Sollbruchstellen übrig blieben und alles andere gestrichen war ...

Glassteine und Feuerwasser gegen Land und Leute ... so so. ;-) Wie so ein Touri.

MartininBroda hat gesagt…

Wir meinten wohl Limericks und wußten das auch, als wir uns diesen netten Spaß machten. Es gibt da ja die harmlos lustigen wie:

There was a young lady of Niger
Who smiled as she rode on a tiger;
They returned from the ride
With the lady inside,
And the smile on the face of the tiger.

Es gibt aber auch ganz schlimme obszöne, ich sage das nur zur Warnung, wenn ich auf die nachfolgende Seite verweise (http://wiesenraute.de/limericks). Also sobald dort eine Zeile auftaucht wie „There was a young lady of Dee...“ - sofort weiterspringen.

Epigramme waren also ursprünglich Weiheinschriften, und da man selten ganze Häuser stiftete, blieb der Platz begrenzt, sie waren daher eher kurz, und daraus wurde im Deutschen das kurze „Sinngedicht“. Aber das wissen wir ja alles.

Das mit der Sollbruchstelle. Ja, die Dame wird kommende Woche 80, und da gibt man dem untergründigen Mißvergnügen doch gern ein Ventil.

Ich habe übrigens mal Vergleichbares erlebt bzw. verursacht. Auf Grund meiner bescheidenen kaufmännischen Ausbildung durfte ich bei einem gaanz wichtigen Bauprojekt die Stelle des Buchhalters ziemlich lange hilfsweise ausfüllen, bei unserer Nationalen Volksarmee nämlich. Dazu gehörten auch gewisse Plananmeldungen. Ich hatte keine Ahnung, die anderen aber auch nicht, daß ich keine hätte. Kurz vor meiner planmäßigen Entlassung sollte ich dann erklären, wofür diese offenen 3 Mio eigentlich gedacht waren, die ich da hineingeschrieben hatte. Woher sollte ich das wissen? Das Problem hat sich dann verschlampt und ich wurde bloß nicht Gefreiter, ich hab's überlebt.

Jaaa, irgendwie tat mir dieser freundliche Mensch aus Breslau mit seinem nicht vorhandenen Deutsch leid, und es sah in dem Ambiente auch nett aus. Den Inhalt hatte ich noch, war ein Versuch, den tristen Morgen etwas aufzuhübschen, daher das Bild. Hat aber nicht wirklich funktioniert. Nur als Blogpost.

DirkNB hat gesagt…

Wusste ich es doch beim abschicken schon, dass ich da was verwechselte, nur nicht womit. Wobei ich dann auch noch über den Umweg Hans-Georg Stengel ihn - gedanklich - zu einem Limerick-Dichter machte, der er nicht war. Auch aus seiner Feder stammen Epigramme, für die er berühmt (vielleicht auch berüchtigt) war.

Der Mond ist aufgegangen.
Klein Julchen fragt mit Bangen
die Lehrerin: "Nanu,
macht ihn den keiner wieder zu?"

Die erste Zeile hätte ja noch von Claudius sein können, so wurde es dann doch eher höherer Blödsinn (anerkennend ab).

DirkNB hat gesagt…

P.S.: Eben war ich mal fix auf der Limerickseite. Da mein "english very small" ist, picke ich mir doch die deutschen Heraus und erheitere mich auch an denen. Am meisten Lachen erbrachte aber trotz alledem ein anglophiler Vertreter seiner Art, der - was immer witzig ist - aus der Art fällt, mit der Gattung bricht oder wie man es immer auch ausdrücken möchte:

There was a young man from Peru
whose limericks stopped at line two.

frei übersetzt

Es war mal ein Junge aus der Türkei,
bei dem endet der Limerick in Zeile zwei.

:-D

MartininBroda hat gesagt…

Fast hätte ich gesagt, ich habe ja schon fernmündlich reagiert dabei war's nur eine altmodische E-Mail. Ich sollte mal wirklich einen Claudius trifft Morgenstern Post machen, wie oben angedeutet.

Die abgebrochenen oder verdrehten Sachen sind tatsächlich oft die unterhaltsameren, solange es nicht zur Masche wird. Denn wie träumte mir doch kürzlich (ganz real): Das sei die weltbekannte Konzeptkünstlerin, deren Installationen lebenslang fast völlig unveröffentlicht geblieben seien - ihre bekannteste - "Das Schweigen" von 1965. Mit anderen Worten, da hatte sie mal die Klappe gehalten. Als ich aufwachte, konnte ich mich vor Lachen kaum halten, auch ein schöner Start.

Wenig später ließ der Enthusiasmus schon wieder sehr nach. Aber so ist es halt mit den Traumwahrheiten, nur wenige überleben das Tageslicht.

DirkNB hat gesagt…

Fernschriftlich wäre ja auch noch eine Idee als Begriff gewesen, wobei der wohl noch für die alten Telex-Übertragungen reserviert ist.

Es muss schon was besonderes bleiben, als Masche ermüdet das eine oder andere schnell. Beispiele gibt es hier aus diversen Gebieten zuhauf. Comediens, die offensichtlich eine Rolle spielen, diese mit der Zeit aber nicht weiter entwickeln, Restaurants, die jahrelang die gleiche Karte haben, ... Stabile Basis und Varianten/Entwicklungen an den Rändern und Spitzen.

Beim Schweigen fällt mir der Begriff des Radiopantomimentheaters ein. Deren Aufführungen heißen, mal ganz populistisch ausgedrückt, Sendeausfall.