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Montag, 10. Mai 2021

Der Friede von Frankfurt


Adolph von Menzel, Abreise König Wilhelms I. zur Armee 
am 31. Juli 1870, hier gefunden

Vor 150 Jahren, also am 10. Mai 1871, wurde in Frankfurt am Main ein Friedensvertrag unterzeichnet, der den Krieg zwischen der Französischen Republik und dem Deutschen Reich beendete. Begonnen hatte er als ein Krieg des französischen Kaiserreichs gegen Preußen, da, wie es in der französischen Kriegserklärung vom 19. Juli 1870 hieß, dessen Regierung, die Verpflichtung zu haben glaubte, „für die Verteidigung ihrer Ehre und ihrer verletzten Interessen zu sorgen“. Der Kriegsgrund war ein vorgeschobener und vermochte außerhalb Frankreichs auch niemanden recht zu überzeugen. Nicht von ungefähr blieb es ohne Bündnispartner, nach denen es emsig Ausschau gehalten hatte.

„Solange der französische Bonapartismus, der sich in der damaligen Lage nur an der Macht halten konnte, wenn er die endgültige Schaffung eines gesamtdeutschen Staates verhinderte und dabei möglichst noch die französische Grenze allmählich nach dem Osten vorschob, noch nicht geschlagen war, führte Deutschland einen gerechten Verteidigungskrieg.“ So schrieb der Historiker und Marxist Engelberg in seiner zweibändigen maßstabsetzenden Bismarck-Biographie. 

Neu-Deutsche Historiker verteidigen dagegen gern den französischen Imperialismus, indem sie einen deutschen unterstellen. Der eine schaute noch auf die Wirklichkeit, selbstredend aus der Perspektive seiner Überzeugungen. Die gegenwärtig Modischen sind getrieben von Übel-Wollen und dreister Unbildung.

„Gestern haben wir endlich unterzeichnet, mehr erreicht als ich für meine persönliche politische Berechnung für nützlich halte. Aber ich muß nach oben und nach unten Stimmungen berücksichtigen, die eben nicht rechnen. Wir nehmen Elsaß und Deutsch-Lothringen, dazu auch Metz mit sehr unverdaulichen Elementen, und über 1300 Millionen Thaler.“ So Bismarck schon am 27. Februar an seine Frau (über den Vorfrieden, der nunmehr im Wesentlichen bestätigt wurde).

Das ist es, was heute, wenn überhaupt noch, als Inhalt des Vertrages bekannt ist, die Kriegsentschädigungen durch Frankreich und dessen Gebietsabtretungen. Bismarck war aus pragmatischen Gründen über den Gebietszuwachs wenig begeistert, da er immer schon die neuen möglichen Schwierigkeiten sah. Etwa später: Warum Kolonien, wenn man keine Flotte hat, sie zu schützen, die aber, wenn man sie sich zulegte, nur die Briten in ihrem Meeresherrschaftswahn zum Übelnehmen einladen würde. Wie es dann ja auch kam.

Ansicht Straßburgs von 1644, hier gefunden

Aber Bismarck war hier wohl zu überbedachtsam. Die Franzosen waren beleidigt, weil sie den Krieg verloren hatten, der Verlust Elsaß-Lothringens war da nur ein guter zusätzlicher Vorwand. Es handelte sich übrigens um überwiegend deutschsprachige Gebiete, die Frankreich aufgrund der Schwäche des Reiches nach und nach okkupiert hatte, so Straßburg mitten im Frieden 1681 während das Reich mit der Abwehr der Türkengefahr beschäftigt war.

Überhaupt hatte Frankreich ein langanhaltendes starkes Bedürfnis, seine Grenzen gen Osten auszudehnen. Und als dies etwa bei der Pfalz nicht gelingen wollte, brannte man wenigstens die Gegend gründlich nieder, so etwa die Kaiserdome in Speyer und Worms oder die Stadt Heidelberg. Mit anderen Worten: Diese Grenze des Reiches war seit Jahrhunderten, vom Dreißigjährigen, über die sog. Reunionskriege, den Pfälzischen Erbfolgekrieg bis zu Napoleon I., wo selbst Hamburg französisch wurde, Angriffen aus dem Westen ausgesetzt und nun sollte es auf einmal andersherum sein? Das war zuviel für das französische Selbstbewußtsein und verletzte die Ehre der „Großen Nation“ in unerträglichem Maße 

Ezéchiel du Mas, comte de Mélac, Befehlshaber der Rheinarmee Ludwig XIV., hier gefunden

Der Rückschlag der Befreiungskriege, wie die Deutschen sie nannten, mochte in der kollektiven französischen Erinnerung mehr wie ein Unfall der Geschichte aussehen, den Napoleon III. nun eben ungeschehen zu machen versucht hatte.

Europa 1812, vor Napeoleons Rußlandfeldzug, hier gefunden

Das war alles auf deutscher Seite gerade in den rheinnahen süddeutschen Gebieten aber noch nicht wirklich in Vergessenheit geraten, weder die Verheerungen noch das Bewußtsein, daß auf der ganzen anderen Rheinseite deutschsprachige Gebiete lagen. Und auf militärisch verantwortlicher Ebene wollte man an der Westgrenze eine festere Garantie gegen künftige französische Ambitionen. Das erklärt vielleicht die Stimmungen von oben und unten, auf die sich Bismarck bezieht. 

Dennoch war der Frankfurter Friede ein mäßiger und nicht darauf ausgelegt, den besiegten Kriegsgegner zu zerstören, wie es der Versailler später dann zu betreiben suchte. Die rund 1,33 Milliarden Preußischen Taler Kriegsentschädigung brachte Frankreich schneller auf als erwartet und so zogen schon im September 1873 die letzten deutschen Truppen ab.

Die Bewohner Elsaß-Lothringens, die für Frankreich optieren wollten, behielten „ihren auf den mit Deutschland vereinigten Gebieten belegenen Grundbesitz“. Und Artikel II bestimmt ferner:

„Kein Bewohner der abgetretenen Gebiete darf in seiner Person oder seinem Vermögen wegen seiner politischen oder militairischen Handlungen während des Krieges verfolgt, gestört oder zur Untersuchung gezogen werden.“

Welch deutsche Perfidie!

Lorenz Clasen, Germania auf der Wacht am Rhein, 

Es war ein letztes Muster eines Friedens, der den Kriegsgegner immer noch respektierte. Für die Deutschen, deren II. Kaiserreich eben geschaffen worden war, begann ein Aufschwung auf kulturellem, technischem und wirtschaftlichem Gebiet, wie er kein Beispiel in der deutschen Geschichte kennt.

Und so wurde nicht nur hier, sondern auch in Magdeburg am Denkmal für die Einigungskriege im Park am Fürstenwall dieses heute eher vergessenen Ereignisses gedacht.



Robert Schumann, Nikolaus Becker, Rheinlied, hier gefunden

Robert Schumann, Nikolaus Becker, Sie sollen ihn nicht haben den freien deutschen Rhein, hier gefunden

nachgetragen am 17. Mai


Nachtrag am 18. Mai

Eben lese ich in einem Stück von glorifizierendem Revolutionskitsch, daß der Sturz der Napoleon-Säule am Place Vendôme auf die Nachricht von der Ratifizierung hin erfolgt sein soll. Welch Ironie! Und, woraus man alles etwas lernen kann.

Pariser Kommune 1871 beim Sturz der Colonne Vendôme, hier gefunden

Donnerstag, 18. Juni 2015

Über die Befreiungskriege - ein erster Nachtrag

Burg Pfalzgrafenstein bei Kaub

Die Befreiungskriege, die auch als Jahrestag längst geschlagen sind, wirken ganz eigentümlich. Sie vereinen so viel in sich, nicht zuletzt an Vorahnungen und Visionen, die dann still am Wege verschieden. Eine konfuse Zeit. Mindestens so verworren wie die heutige, nur waren die meisten Akteure bedeutender, vielleicht. Aber nicht unbedingt charakterstärker, das wäre eine weitere Illusion.

Da ich bei diesen Temperaturen sowieso nicht schlafen kann, beginne ich also mit einem meiner berüchtigten Nachträge und zitiere im nachfolgenden zuerst einfach wieder den „Bildersaal deutscher Geschichte“ (und das nicht aus Gedankenträgheit), den ich hier u.a. vorgestellt habe. Der Fürst Blücher, von dem bald sie Rede sein wird, kommt übrigens früher an dieser Stelle (viel zu kurz) vor.

Wir sind im Jahre 1813, die Völkerschlacht von Leipzig ist gerade ruhmreich geschlagen, aber die deutschen Fürsten wollen sich trotzdem lieber irgendwie durchmerkeln. Sie machen Napoleon ein Friedensangebot:

"Am 2. Dezember empfingen die Verbündeten Napoleons Antwort, eine solche, auf die sie unmöglich eingehen konnten; so sollten eine Reihe wichtiger rechtsrheinischer Plätze und ein Teil Hollands französisch bleiben, Holland müßte Republik werden, die einzelnen Staaten Deutschlands dürften sich nicht in einem Bunde vereinigen, Westfalen sollte unter Jérôme ein von Frankreich unabhängiges Königreich werden, Preußen sollte nur Magdeburg zurückerhalten, dagegen Erfurt für den Verlust Warschaus an Sachsen fallen. Napoleons Verblendung rettete Deutschland vor der Gefahr, das linke Rheinland zu verlieren, und nötigte selbst die Friedfertigen zur Fortsetzung des Krieges.

An demselben 2. Dezember verkündete eine Proklamation der verbündeten Fürsten, daß der Krieg fortgesetzt werden müsse, daß er sich nicht richte gegen Frankreich, sondern gegen Napoleons zügellose Machtstellung, und daß er zum Ziele habe die Unabhängigkeit Frankreichs und aller Staaten Europas. Dieser Entschluß der Fürsten zum Kriege machte den alten Blücher wieder froh und wohlgemut, ja ausgelassen heiter, so daß er es sich gefallen ließ, daß man seinen Geburtstag zweimal festlich beging und daß er selbst bei dem ihm zu Ehren veranstalteten Balle eine Quadrille mittanzte.

All diese Freudigkeit war nur der äußere Widerschein der frohen Siegeshoffnung, die ihn erfüllte. Zwar gelang es ihm im Dezember wegen des stark treibenden Grundeises nicht, Brücken über den Rhein zu schlagen und die Festung Mainz völlig einzuschließen; aber er bereitete doch den Rheinübergang sorgfältig vor und verlegte, den Feind zu täuschen, am 29. Dezember sein Hauptquartier zurück nach Frankfurt. Sacken sollte den Rhein bei Mannheim, St. Priest bei Koblenz, York bei Kaub überschreiten.

York war davon bereits von Höchst aus am 26. Dezember durch folgenden Brief Blüchers benachrichtigt worden: "Eü Excellenze benachrichtige vorleüffig ganz Ergebst, wie ich den 1. January mit tages anbruch den Reihn mit der Armeh Paßiren werde, die Disposition soll morgen erfollgen um mein vorhaben zu verheimligen werde ich den 29t dieses mein quartir nach Frankfuhrt verlegen, und solche einrichtung treffen lassen als wen ich uf eine Dauer da verbleiben werde."

Burg Pfalzgrafenstein von Süden

Am Abend des 31. Dezember schlugen die Russen bei Kaub eine Schiffbrücke zu der kleinen Insel hinüber, auf welcher die alte Pfalz liegt... Dort bestiegen die Brandenburgischen Füsiliere in tiefer Stille die Kähne und begrüßten um Mitternacht bei ihrer Landung das jenseitige Ufer mit einem lauten Hurra. "Der widerstandt des Feindes war nicht bedeüttendt, und als ich (Blücher) am frühen neujahrsmorgen den Stoltzen Rein Passierte, ertöhnten die uffer vor Freudengeschrey, und meine braven Truppen Empfingen mich mit Jubel, und die jenseittigen Deutschen bewohner Empfingen mich mit Freudenthränen."

Wilhelm Camphausen: Blüchers Rheinübergang bei Kaub

Und nun hinein nach Frankreich, nach Paris! Zwar siegte Napoleon Ende Januar 1814 über Blücher und die Russen bei Saint Dizier und Brienne, aber am 1. Februar unterlag er Blücher bei La Rothière, es war die erste Niederlage auf heimischem Boden, unglückverkündend wies sie ihn in die Zukunft. Daher gab er seinem Gesandten für den am 8. Februar in Châtillon eröffneten Friedenskongreß weitgehende Vollmachten. Doch das Glück schien sich ihm wieder zuzuwenden. Blücher marschierte die Marne, Schwarzenberg die Saone abwärts; Napoleon schob sich zwischen beide Armeen und schlug sie.

Jetzt sprach er voll Siegesgewißheit: "Was denken meine Feinde von mir? Ich bin jetzt näher zu Wien als sie zu Paris!" und zog die Friedensvollmachten zurück. Sein Glück hatte ihn geblendet; er kannte seinen Willen und sein Genie, aber er sah nicht, daß die Kräfte seiner Truppen versagten. Nach einem blutigen Gefecht bei Craonne wurde er von dem Heere des erkrankten Blücher am 9./10. März vor Laon mit großen Verlusten zurückgeschlagen (Blücher hatte sich bei Laon mit Bülow, der unterdessen Holland erobert hatte, vereint - Blücher war in den Tagen der Schlacht von Laon krank; ...) und am 20. März von Schwarzenberg bei Arcis sur Aube überwunden. War Napoleon verloren?

In schweren Gedanken sehen wir ihn vor einem Kamine stehen, Vergangenheit und Zukunft überdenkend... Wäre es nicht besser gewesen, die Anerbietungen der Gegner von Frankfurt und dann von Châtillon anzunehmen und sich mit den natürlichen Grenzen Frankreichs zu begnügen? War seine Herrschaft in Paris noch sicher? Sollte er dem Feinde vor den Toren seiner Hauptstadt entgegentreten? Durch einen kühnen siegreichen Zug nach den Vogesen und durch einen Einfall in Süddeutschland, in die Gebiete der auch jetzt noch ihm geneigten ehemaligen Rheinbundfürsten, hoffte er die Heere der Verbündeten zum Rückzug zu zwingen. Es war das Wagnis eines Spielers, der mit dem letzten Wurfe alles wagt und alles verliert. Am 29. März standen die Verbündeten vor Paris. Die Kaiserin Marie Luise floh, König Joseph, des Kaisers Bruder folgte;  die Marschälle Marmont und Mortier versuchten die Stadt zu halten, umsonst; am Abend des 30. März. boten sie die Übergabe derselben an.

Von der Höhe des Montmartre aus schaute Gneisenau mit leuchtenden Augen voll Siegesstolz auf die besiegte Stadt, von der aus so viel Unglück über sein Vaterland gekommen war; Blücher aber war ein solch herzergreifender Anblick nicht vergönnt, ihn quälten heftige Augenschmerzen, er und die Freunde fürchteten, daß er erblinde. Und doch durchzog sein Herz ein großes Gefühl des Stolzes und der Befriedigung, voll Wehmut und Freude sprach er: "Luise ist gerächt.""

Caub und die Pfalz im Rhein um 1900

nachgetragen am 2. Juli
die dazu nachfolgenden Beiträge sind als "älter"angehängt

Über die Befreiungskriege - ein anderer Nachtrag

 Woldemar Friedrich: Unterredung mit Napoleon in Tilsit, 1807 
aus: "Die Königin Luise in 50 Bildern für Jung und Alt", 1896.

Und zurück in den „Bildersaal deutscher Geschichte“ von 1890:

"Und nun zeigte sich in Paris der Unterschied der Völker. Die Preußen hatten mit ihrem König die Schmach von Jena und Tilsit erlitten, mit ihm geduldet und gehofft, für ihn und ihr Vaterland Gut und Blut dahingegeben; die Franzosen waren durch Napoleon zu den Herren der Welt erhoben worden, und so lange er glücklich war, standen sie zu ihm; jetzt aber war er gefallen, den Gefallenen trat die Niedertracht des Senats und des gesetzgebenden Körpers, die beide geschaffen, dessen Glieder nichts als Werkzeuge seines Willens gewesen, in den Kot. Sie erklärten ihn und seine Familie des Throns verlustig; vergessen war, was er Gutes, was das frühere Geschlecht der Könige Böses getan, die Bourbonen kehrten auf den Thron zurück.

Am 11. April 1814 ward Napoleon entthront; ein Bourbone, Ludwig XVIII., ward König von Frankreich. Napoleon empfing für die Dauer seines Lebens die Insel Elba als souveränes Fürstentum.

So war Napoleon gefallen. Welch ein Lebensgang! Leutnant der Artillerie, General der Revolutionsheere, Konsul, Kaiser der Franzosen, Imperator Europas, Fürst der kleinen Insel Elba. Er hat wahrgemacht, was 1789 der Goldarbeiter Isnard [wohl der Parfümhändler Maximin Isnard] in der Nationalversammlung verkündet, 'daß die Franzosen im stande wären, das Angesicht der Welt umzugestalten und alle Tyrannen auf ihren Thronen erbeben zu machen'. In ihm war eine dämonische Kraft, Heere und Völker seinem Willen zu unterwerfen. Er hat viel zerstört und vernichtet, doch auch nicht wenig gebaut und gepflanzt.

Er hätte der Welt für seine Zeit und alle Zeit ein Segen werden können, er ward es nicht; denn sein Charakter war wirklich so, wie ihn die Königin Luise im Frühjahr 1810 in einem Brief an ihren Vater geschildert: 'Er meint es nicht redlich mit der guten Sache und mit den Menschen. Er und sein ungemessener Ehrgeiz meint nur sich selbst und sein persönliches Interesse. Er ist von seinem Glück geblendet und meint alles zu vermögen." Und darum war auch das in Erfüllung gegangen, was die Königin weiter gesprochen: 'Dabei ist er ohne alle Mäßigung und wer nicht Maß halten kann, verliert das Gleichgewicht und fällt.'

Am 30. Mai 1814 schlossen die Verbündeten mit der neuen königlichen Regierung in Frankreich den Pariser Frieden, durch den das Staatensystem Europas in seinen Grundzügen neu aufgestellt und durch die Mächte gesichert ward. Diesen Friedensvertrag zu vervollständigen, sollten alle an dem Krieg Beteiligten binnen zwei Monaten nach Wien Bevollmächtigte zu enem allgemeinen Kongresse schicken.

Und nun kehrten auch die kriegsmüden Sieger heim ins Vaterland, zu Weib und Kind, zu Vater, Mutter und Braut, um den eigenen Herd, den der lange Krieg zertrümmert, neu aufzubauen. Mit welcher Begeisterung wurden sie empfangen! Der schwere Druck, der auf der Brust so lange Jahre schwer gelastet, war weg; das Herz schlug nun freier und fröhlicher, und heiter und glücksgewiß schaute der Blick vorwärts in bessere Zeit...

Im September 1814 trat der Wiener Kongreß zusammen; er sollte Europa einen dauernden Friedenszustand schaffen, doch entstand schon in kurzer Zeit unter den Mächten wegen der Behandlung von Polen und Sachsen so viel Streit und Widerwärtigkeit, daß sich gegen Preußen und Rußland ein neuer Kriegsbund vorbereitete.“

Hier verlassen wir das Jahr 1814 und zunächst auch den „Bildersaal“ für den Moment. Es wird wahrscheinlich deutlich geworden sein, warum ich aus dem o.g. Buch seitenweise zitiere. Der „Bildersaal“ war vermutlich das populärste Geschichtsbuch des gebildeteren Teils der Gesellschaft des 2. Kaiserreichs und blieb dies über dessen Untergang 1918 hinaus. Die Befreiungskriege waren die eigentliche Geburtsstunde des deutschen Nationalbewußtseins, das im Deutschen Reich seine endliche Heimstatt gefunden zu haben hoffen durfte.

Ruft man sich jüngere „offiziöse“ Geschichtsdarstellungen (bis heute) ins Gedächtnis, so müßte hier eine einseitig eingefärbte, glatte, ja selbstgefällig polemische Darstellung vorzufinden sein, die es aber schlicht nicht gibt. Was es gibt, ist Verständnis für den Unterlegenen, Bedauern über vertane Chancen etwa; lauter solche gar nicht propagandistischen Sachen. Was für einen Absturz auch in dieser Hinsicht das nachfolgende Jahrhundert doch mit sich gebracht hat.

wird fortgesetzt 

Johann Michael Voltz: Aufstieg und Niederfall Napoleons, 1814

nachgetragen am 2. Juli 2015

Über die Befreiungskriege – letzter Nachtrag

Waterloo

"Blücher traute dem Frieden nicht. 'Ob uns in der Folge noch eine Fehde bevorsteht, weiß der Himmel, trauen will ich der Sache nicht, man hat zu Paris die Umstände nicht benutzt, Frankreich wird schon wieder zu laut, man hätte selbiges die Flügel besser beschneiden sollen.'

Auf Elba hatte Napoleon Kunde empfangen, daß die Mehrheit der Franzosen dem neuen König mit Mißtrauen und Abneigung gegenüberstehe, daß alle seine ehemaligen Offiziere voll Unzufriedenheit seien, und daß auf dem Wiener Kongreß die Eifersucht der Mächte den Frieden Europas bedrohe. Das alles erschien ihm günstig, den französischen Kaiserthron zurückzugewinnen. Am 26. Februar verließ er heimlich Elba, am 1. März landete er an der französischen Südküste, am 20. März zog er als Kaiser der Franzosen in den Tuilerien ein.

Die europäischen Mächte aber erklärten schon am 13. März, daß sie fest entschlossen seien, den Pariser Vertrag vom 30. Mai 1814 und die durch diesen Vertrag getroffenen Vereinbarungen unverletzt zu erhalten, daß Napoleon sich außerhalb der Gesellschaft und Gesittung gestellt und als Feind und Zerstörer der Ruhe der Welt sich der öffentlichen Rache ausgeliefert habe.

An der Maas und Schelde sollte die Entscheidung über Napoleon und Europa fallen. In den Niederlanden sammelten sich aus Engländern, Niederländern, Hannoveranern, Braunschweigern und Nassauern ein Heer unter dem Oberbefehl des Herzogs Wellington, in den Rheinlanden ein preußisches unter dem Blüchers. Beide Heere sollten den Feind gemeinsam bekämpfen... Napoleon hoffte beide Heere durch einen kühnen Durchbruch voneinander zu trennen und vereinzelt zu schlagen."

Soweit der „Bildersaal deutscher Geschichte“. Blücher verliert eine Schlacht, wird, da er, der 73jährige Greis, sich mit gezücktem Säbel selbst in das Ringen warf, verwundet, doch gerettet.

Blücherdenkmal in Rostock
(in der Mitte dieses Beitrags gibt es eine kleine Geschichte dazu)

Am 18. Juni wendet sich Napoleon gegen Wellington. Der verletzte Blücher kommt ihm mit seiner gerade geschlagenen Armee zu Hilfe, die dringendst benötigt wird und bescheidet zuvor noch seinen Arzt:

"Nein, Doktor, heute mag es den alten Knochen gleich sein, ob sie balsamiert oder nicht balsamiert in die Ewigkeit gehen; geht es aber heute gut, wie ich hoffe, so wollen wir nun bald in Paris waschen und baden."

Es geht um die Schlacht bei Belle-Alliance, heute eher bekannt als die Schlacht von Waterloo am 18. Juni 1815. Darum also der ganze bisherige Schreibaufwand. Das Schildern von Schlachten gehört nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Stefan Zweig hat in seinen „Sternstunden der Menschheit“ in deren 6. Kapitel gewohnt unterhaltsam darüber geschrieben, Schuld an Napoleons weiterem Schicksal hat nämlich der überforderte Marschall Grouchy.

„Aber jenes Gewehrfeuer war bloß ein irrtümliches Geplänkel, das die anrückenden Preußen, durch die andere Uniform verwirrt, gegen die Hannoveraner begonnen: bald stellen sie das Fehlfeuer ein, und ungehemmt, breit und mächtig, quellen jetzt ihre Massen aus der Waldung hervor. Nein, es ist nicht Grouchy, der mit seinen Truppen anrückt, sondern Blücher, und damit das Verhängnis. Die Botschaft verbreitet sich rasch unter den kaiserlichen Truppen, sie beginnen zurückzuweichen, in leidlicher Ordnung noch.

Aber Wellington erfaßt den kritischen Augenblick. Er reitet bis an den Rand des siegreich verteidigten Hügels, lüftet den Hut und schwenkt ihn über dem Haupt gegen den weichenden Feind. Sofort verstehen die Seinen die triumphierende Geste. Mit einem Ruck erhebt sich, was von englischen Truppen noch übrig ist, und wirft sich auf die gelockerte Masse. Von der Seite stürzt gleichzeitig preußische Kavallerie in die ermattete, zertrümmerte Armee: der Schrei gellt auf, der tödliche: »Sauve qui peut!« Ein paar Minuten nur, und die Grande Armee ist nichts mehr als ein zügellos jagender Angststrom, der alles, auch Napoleon selbst, mitreißt.

Wie in wehrloses, fühlloses Wasser schlägt die nachspornende Kavallerie in diesen rasch und flüssig rückrennenden Strom, mit lockerem Zug fischen sie die Karosse Napoleons, den Heerschatz, die ganze Artillerie aus dem schreienden Schaum von Angst und Entsetzen, und nur die einbrechende Nacht rettet dem Kaiser Leben und Freiheit. Aber der dann mitternachts, verschmutzt und betäubt, in einem niedern Dorfwirtshaus müde in den Sessel fällt, ist kein Kaiser mehr. Sein Reich, seine Dynastie, sein Schicksal ist zu Ende: die Mutlosigkeit eines kleinen, unbedeutenden Menschen hat zerschlagen, was der Kühnste und Weitblickendste in zwanzig heroischen Jahren erbaut.“

Nun ja.

Das Monument auf dem ersten Bild oben ist übrigens der sog. Löwenhügel. „They have spoiled my Battlefield, soll Wellington gesagt haben.“ Das sagt der Blogger Jay, der dem Ganzen einen seiner gewohnt farbigen Bilderbogen gewidmet hat.

Löwe von Waterloo

"Schon am 22. Juni dankte Napoleon ab, die Dynastie der Boubonen kehrte bald zurück, und am 9. Juli rückte Blücher zum zweiten Male in Paris ein; am 15. Juli trafen in Paris auch die preußischen Staatsmänner ein, an ihrer Spitze der Staatskanzler Hardenberg und der Minister Wilhelm v. Humboldt. Blücher liebte sie nicht; vorahnend sprach er: 'Mögen die Federn der Diplomaten nicht verderben, was durch die Schwerter der Heere mit so viel Anstrengung gewonnen worden.'

Er tat Hardenberg und Humboldt bitteres Unrecht; die beiden wollten das Glück der neu errungenen Siege ausnutzen und Deutschland Elsaß-Lothringen zurückgewinnen. Aber der Neid der Verbündeten gab es nicht zu; Frankreich behielt die Grenzen von 1790. Das Vaterland war schwer getäuscht; und doch schaute der Dichter Friedrich Rückert vorahnend die Zeit, da die alten Lande an Deutschland zurückfallen sollten. Die Straßburger Tanne, die bei der frohen Kunde von Blüchers Siegen umsonst gehofft, daß aus ihrem Holze eine deutsche Kaiserpfalz gezimmert werde, die nun aber zu neuen Treppen in Mairie und Präfektur verwendet ward, prophezeite doch sterbend ihren jüngeren Waldgeschwistern:

'Einst einer von euch allen,
Wenn er so altergrau
Wird, wie ich falle, fallen,
Gibt Stoff zum andern Bau,

Da wohnen wird und wachen
Ein Fürst auf deutscher Flur;
Dann wird mein Holz noch krachen
Im Bau der Präfektur.'

Das Vaterland war getäuscht, zum zweiten Male in einem kurzen Jahre, denn der Wiener Kongreß hatte bereits alle Hoffnungen der Deutschen auf ein einiges mächtiges Reich vernichtet. Als Napoleons Weltherrschaft zertrümmert worden, hatte Max von Schenkendorf die deutschen Fürsten gefragt: Wollt ihr keinen Kaiser küren?

Der Wiener Kongreß antwortete mit einem kalten Nein."

Und hier verlassen wir endgültig den „Bildersaal deutscher Geschichte“, ersparen uns die Erzählungen vom Geschachere auf besagtem Kongreß. Auch Napoleon überlassen wir seiner unwirtlichen Atlantikinsel, auf die er verbannt worden war.

Mit ihrem Zynismus, den sie Napoleon gut abgeschaut hatten, wenn sie ihn nicht schon vorher besaßen, hat die Mehrheit der deutschen Fürsten dann nicht nur den Enthusiasmus zu Grabe getragen, der in den Befreiungskriegen zu Tage getreten war, sie vergifteten zugleich die Wurzel ihrer eigenen Legitimität. Es sollte noch 100 Jahre dauern, bis dieses Gift seine ganze Wirkung entfaltete, aber es geschah dann um so gründlicher.

"Ich rauche und beweine meine Sünden"

nachgetragen am 4. Juli

Samstag, 19. Oktober 2013

Über das Deutsche und seine Gefährdungen - 1813 ff.

Erzengel Michael am Völkerschlachtdenkmal zu Leipzig

„Dumpf und düster beherrscht das 91 Meter hohe Völkerschlachtdenkmal den Leipziger Südosten. Ein Monument der Nekrophilie und des Verfolgungswahns der Deutschen, die 'stets zu Schutz und Trutze' gegen irgendeinen Feind brüderlich zusammenhalten müssen, wie es im Lied der Deutschen heißt.“
„Sprengmeister Alfred Linden indes wollte den Koloss im Roman 'Völkerschlachtdenkmal' von Erich Loest einfach in die Luft jagen. Warum nicht!“

„GEHT`s noch???“ fragte einer der Kommentatoren dieses Artikels. Doch wir wollen zunächst weitere Zitate herbeibringen. Zumal besagter taz-Artikel eigentlich nur unsere Erwartungen erfüllt, es ist ihm folglich erst einmal wenig vorzuwerfen.

Zum „Focus“: Der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) laut eben dieser illustrierten Zeitung: „Wir wollen einen würdigen Rahmen setzen, an diese Schlacht erinnern und zu Freiheit und Frieden aufrufen. Zugleich aber wollen wir auch ins Gedächtnis rufen, dass infolge der Völkerschlacht Europa zu einer neuen Ordnung gefunden hat. Und auch (sic! MiB) wenn Napoleon in Leipzig geschlagen wurde, so hatten die Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit doch ihren Weg durch Europa gefunden; und der Bogen ist über den Wiener Kongress, über zwei schreckliche Weltkriege bis zum Elysée-Vertrag gespannt.“

Und noch einmal besagtes Blatt: „Wie ein Raubvogel blickt der steinerne Erzengel Michael, Schutzpatron der Deutschen, den Besuchern des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig entgegen. Über der Statue erhebt sich das massige Denkmal. 1913 fertiggestellt, sollte es an den vermeintlichen (sic! MiB)  Aufstand des deutschen Volkes gegen Napoleons Vorherrschaft und an den Sieg in der Völkerschlacht 1813 erinnern. 'Dabei' sagt Steffen Poser, Leiter des Völkerschlachtdenkmals, 'war die Völkerschlacht nichts weniger als ein deutscher Volksaufstand. Mit viel gutem Willen könnte man von einem preußischen Volksaufstand sprechen'“.

Erzengel Michael am Völkerschlachtdenkmal

Wir haben inzwischen eine Vorstellung von Charakter und Umfang dieses „guten Willens“. Außerdem hat der Satz eine heimliche Pointe, denn er übernimmt sozusagen eine unterstellte „dynastische“ Perspektive, nur spiegelverkehrt. Denn, wenn er alles als einen Restaurationskrieg deutet, affirmiert er sozusagen die Perspektive gewisser Fürsten und wischt die Hoffnungen und die Tapferkeit eines ganzen Volkes beiseite. Warum das? Nun es soll eben nicht anders sein.

„Hier geht es nicht um Revanchismus, hier geht es nicht um die Nationenwerdung der Deutschen, nicht um die Abstreifung der Repression unter Napoleon“, sagt Koordinator Rodekamp. „Hier geht es um Aufklärungsarbeit, hier geht es um ein neues Verständnis für Vergangenheit. Wir müssen eine Brücke bauen, aus dem Wissen der Vergangenheit heraus, in eine bessere, zumindest friedvolle und nicht mehr kriegerische Zukunft der Menschen in Europa.“ Ebenfalls Focus. (Es klingt nach dem Kohl'schen: 'Wer nicht für den Euro ist, ist nicht für den Frieden.' In Nachahmung des vorigen: „Wer nicht für den Sozialismus...“, nur so nebenbei)

Es geht also um nichts von dem, was war, sondern nur um das, von dem man gegenwärtig will, daß es sein sollte. Aber schön, daß er das Wort „Aufklärung“ benutzt, wir hatten da schon immer unsere Vorurteile.

Allerdings, diese Meldung der Leipziger Volkszeitung barg etwas Rührendes irgendwie, wie da die Schatten einstiger Herrscherhäuser auf die Bühne treten (übrigens wurde das Schloß Rötha, von dem implizit die Rede ist, ein frühbarocker Bau, der während der in Rede stehenden Völkerschlacht eine nicht unbedeutende Rolle spielte, 1969 abgeräumt):

„Mit zahlreichen Veranstaltungen ist auch am Samstag der Völkerschlacht bei Leipzig vor 200 Jahren gedacht worden. Am Vormittag kamen Vertreter von 15 europäischen Fürstenhäusern zu einem ökumenischen Gottesdienst in Rötha zusammen.“

Und ein gewisser Martin Schulz (SPD), Präsident des Europäischen Parlaments warnte bei der Gelegenheit vor einem Wiedererstarken des Nationalismus: "Mit großer Sorge beobachte ich, wie sich in Europa wieder eine Re-Nationalisierung ausbreitet". Und zuvor noch so optimistisch: „Wir stehen in einem beklemmenden Denkmal“. „Es ist auch der Ausdruck einer ultranationalistischen Geisteshaltung, die wir in Europa glücklicherweise überwunden haben.“  Nun ja. Man könnte so weiter vor sich hin zitieren, von der „Zeit“ bis zu den „tagesthemen“ (und würde allenfalls auf angestrengte Nuancierungen treffen). Aber gehen wir einfach ein wenig zurück:

Das neuere deutsche Bewußtsein seiner selbst ist in den Befreiungskriegen entstanden, und es waren Kriege zur Befreiung, von Ausplünderung, ja der Gefahr des bloßen Hungertods, der man ausgesetzt war im Namen von Fortschritt, Brüderlichkeit und französischer Humanität. Daß dieses Eruptive selbstbezogen degenerierten deutschen „Fürsten“ (es waren nicht alle, aber zuviel) nicht geheuer sein konnte, was ein Wunder.

Blick in die Krypta des Völkerschlachtdenkmals mit Totenwächter

Ein Gegenzitat (aus dem „Bildersaal deutscher Geschichte“):

"Noch in Tilsit berief der König auf Hardenbergs Rat den Freiherrn v. Stein an die Spitze des Ministeriums, damit unter seiner Führung das Staatsgebäude neu errichtet werde. Es gelang. "Indem der Staat sich innerlich zusammenraffte, machte er sich alles zu eigen, was Deutschlands Dichter und Denker während der letzten Jahrzehnte über Menschenwürde und Menschenfreiheit, über des Lebens sittliche Zwecke gedacht hatten. Er vertraute auf die befreiende Macht des Geistes, ließ den vollen Strom der Ideen des neuen Deutschlands über sich hereinbrechen. Jetzt erst wurde Preußen in Wahrheit der deutsche Staat; die Besten und Kühnsten  aus allen Stämmen des Vaterlandes, die letzten Deutschen sammelten sich unter den schwarz-weißen Fahnen. Der schwungvolle Idealismus einer lauteren Bildung wies der alten preußischen Tapferkeit und Treue nun Pflichten und Ziele, erstarkte selber in der Zucht des politischen Lebens zu opferfreudiger Tatkraft. Der Staat gab die kleinliche Vorliebe für das handgreiflich Nützliche auf; die Wissenschaft erkannte, daß sie des Vaterlandes bedurfte, um menschlich wahr zu sein. Das alte harte kriegerische Preußentum und die Gedankenfülle der modernen deutschen Bildung fanden sich endlich zusammen, um nicht wieder voneinander zu lassen. Diese Versöhnung zwischen diesen beiden schöpferischen Mächten unserer neuen Geschichte gibt den schweren Jahren, welche dem Tilsiter Frieden folgten, ihre historische Größe.' (Treitschke)".

Wenn man das deutsche Selbstbewußtsein im Kern treffen will, muß man bei den Befreiungskriegen beginnen. Dort schien die Idee eines neuen Deutschland auf, wovon Treitschke (ja eben der, man hört förmlich die begeisterte Empörung) gerade so schön schrieb; mehr Vision als Wirklichkeit, und vor allem der damaligen Gegenwart heftig ins Stammbuch geschrieben, aber etwas, auf dem sich hätte aufbauen lassen können, wenn man denn wollte.

Es ist die häufiger zu beobachtende Mißachtung dessen, worin zu einer bestimmten Zeit die Gnade Gestalt gefunden hat. Das gilt für Schlösser, Dome, Institutionen & Gewohnheiten, wie eben auch Nationen. Das Gedenken daran kann in eine arge Schräglage geraten, wenn es sich bspw. an einer neu erschaffenen Mythologie verhebt. Aber das ist lange vorüber, heute sieht man eine andere Meinungs - Clique, die alles in Geiselhaft hält. Sie haben keine Liebe zu diesem Land, sie suchen nicht seine Kenntnis, geschweige denn ein Einverständnis, ihnen ist überhaupt die Fähigkeit zu höherer Liebe lange abhanden gekommen. Es ist ein wiederholter Mißbrauch eines alten Landes, nur diesmal von anderer Seite.

Ich bin immer noch ratlos, woher dieses rührt. Eine Verstörtheit? Eine Art Regression? Denn dann wüßte man, woran man wäre. Die Variation eines Atavismus z.B. (Das Körperliche lebt nach Gegebenheiten, die älter sind als der Geist, also auch anderes als passendes Verhalten wollen; wer sich dem Körperlichen ausliefert, indem er sich vom Geist fernhält, wird auch wie ein Hund sein Revier markieren, nur eben mit anderen Mitteln, indem er etwa Bäume abhackt oder Schlösser einreißt oder scheußliches Betonzeugs auf die Erde stellt).

Wovon ich bisher geschwiegen habe, ist, daß dieses Gedenken an die Befreiungskriege, anläßlich der Schlacht bei Leipzig vor 200 Jahren, völlig von einer dortigen Initiative ausging, unter Abstinenz der gegenwärtigen Zentralregierung (die interessiert Derartiges schlicht nicht). So ist einem, als müßte man einen Spinnwebwald durchwandern, und wenn man hinter sich ein verstörendes lautes Geräusch hörte, sähe man vor sich bloß jemanden, der dazu eine schlüpfrige Bemerkung machte.

Nur ein paar nächtliche Gedanken, wie man sieht. Dazu auch noch nachgetragen, widerwillig, eingestandenermaßen.

Völkerschlachtdenkmal in Leipzig

nachgetragen am 23. Oktober

Dienstag, 27. März 2012

Mecklenburgica

Meine Gedanken sind einfach zu langsam gegenwärtig, aber daß Otto Vitenses Geschichte von Mecklenburg (erschienen 1919) noch immer als die letzte ernstzunehmende Darstellung der Geschichte dieses Landes gilt, wirft ein bezeichnendes Licht auf den ernstzunehmenden Kern dieses Landes Mecklenburg-Vorpommern, da ist nämlich keiner. Es ist ein wenig so, wie wenn Südseeinsulaner ihre Tänze vor Touristen aufführen. Doch genug davon.


Vitense beschloß 1948, das Einwirken der im Troß der russischen Siegermacht wirkmächtigen Kommunisten auf ihn durch seinen Tod zu beenden. Die Geschichte Mecklenburgs trägt oft tragische Züge, dafür hatte er einen Sinn, und das Ergebnis dürfte häufig zu dem differieren, was sich als gegenwärtig herrschende Erzählung darstellt, also bringen wir doch einfach einen Auszug.

Das Wirken Naploleons wird gern verharmlost, schließlich empfindet man sich lieber heimlich mit als irgendwie fortschrittlich (was immer das sein soll), aber wir wollten zitieren und nicht räsonieren:

Die Franzosenzeit in Mecklenburg

Franzosenzeit - das Wort erweckt noch heute nach über hundert Jahren bei vielen Leuten, denen in ihrer Jugend einst die Eltern und Großeltern davon erzählt haben, Grauen und Entsetzen. Ja, selbst den Kindern geht es nicht viel anders. So sehr hat sich die Erinnerung an jene Zeit, die mit all ihren Schrecken eine der schlimmsten in der Geschichte unseres engeren und weiteren Vaterlandes gewesen ist, von einer Generation an die andere übertragen. Gerade bei uns in Mecklenburg ist dieser Zeit ein bleibendes Denkmal durch unseren größten plattdeutschen Dichter Fritz Reuter gesetzt worden. Wenngleich seine „Franzosentid“ eine mit köstlichem Humor geschriebene lustige Geschichte sein will, so spielt sie sich doch auf dem Grunde der Franzosenherrschaft in Mecklenburg ab, und tief muß es jeden Leser berühren, wenn er von den Leiden und Qualen hört, unter denen damals unser Volk geseufzt hat. Es mag nur an den Müller Voß von der Gielower Mühle erinnert werden, der außer dem Verlust zweier Söhne eine völlige Ausplünderung seitens der Franzosen und den Wirtschaftlichen Zusammenbruch seines Gehöftes zu beklagen hat, so daß ihm nichts anderes übrig bleibt als „Pankerott spelen“.

Wir sind heute, in einer Zeit des Friedens und der gesetzlichen Ordnung, an die wir von Jugend auf gewöhnt sind, kaum imstande, uns jene Franzosenzeit in ihrer vollen Wirklichlichkeit vorzustellen. Ja, manchmal wollen selbst die noch erhaltenen Schilderungen von Augenzeugen uns wie eine Art phantastisch ausgeschmückter Gespenstergeschichten anmuten. So groß ist der Unterschied zwischen damals und jetzt. Und ich sagen sie die reine Wahrheit. Nur einige Worte mögen genügen, um uns ein Bild von dem Zustande unseres Landes in der Franzosenzeit 1806/12 zu verschaffen.

Die Zeit der französischen Revolution und der durch sie hervorgerufenen Koalitionskriege, in denen durch Napoleons maßlose Ruhm- und Herrschsucht schließlich das ganze bisherige Staatensystem Europas umgekehrt wurde, waren, abgesehen von einigen kleinen Unruhen, die aber schnell beseitigt wurden im übrigen fast spurlos an Mecklenburg vorübergegangen. Von der Teilnahme an den Koalitionskriegen insbesondere hatte sich unser Land durch eine an das Deutsche Reich gezahlte Geldsumme befreit. Mit dem Jahre 1806 aber wurde auch Mecklenburg in die Schrecken jener Zeit verwickelt und hat dann nicht weniger als sieben Jahre unter der französischen Fremdherrschaft so sehr leiden müssen, dass es scheint, als sollte es für die vorhergehenden Friedensjahre nun noch um so mehr von der Kriegsnot heimgesucht werden.

Am 14. Oktober 1806 war das preußische Heer von Napoleon bei Jena vollständig besiegt worden. Damit ging im deutschen Volk auch die Letzte Hoffnung auf Befreiung aus dem napoleonischen Joch verloren. Unaufhörlich wälzten sich jetzt die französischen Heere über die deutschen Gefilde. Jedes deutsche Land war der Willkür Napoleons preisgegeben. Überall fürchtete man für die eigene Heimat, für Haus und Hof, Familie, Stand und Beruf...

Nach der Schlacht bei Jena sucht ein Teil der geschlagenen preußischen Armee sich unter Führung des Generals, späteren Feldmarschalls Blücher nach Mecklenburg zu retten. Ihm folgen die drei französischen Generale Murat, Soult und Bernadotte, der spätere Krohprinz von Schweden, und trugen die Kriegsfackel in unser Land. Bei Feldberg betrat Blücher mecklenburgischen Boden und zog nun quer hindurch auf Lübeck zu. Bei Nossentin, zwischen Waren und Malchow, erkämpfte sich seine Nachhut unter dem Obersten, späteren General York am 1. November 1806 gegen Bernadotte den Rückzug. Am 7. mußte Blücher bei Ratkau b. Lübeck sich den Ihm folgenden Franzosen ergeben. Die drei Marschälle aber begannen nun von Mecklenburg völlig Besitz zu nehmen und das Land zwecks Einrichtung als französische Provinz, wie Napoleon befohlen hatte, zur Strafe für die 1805 den russischen Truppen gestatteten Durchzüge gleichsam unter sich zu verteilen. Überall wurden die mecklenburgischen Wappen entfernt und statt ihrer französische Adler angebracht, sodann Laval zum General-Gouverneur des Landes ernannt.

Im Januar 1807 wurde der Herzog Friedrich Franz aus seinem Schweriner Lande vertrieben; der Strelitzer Herzog Karl konnte sich durch Fürsprache des ihm verwandten Königs von Bayern bei Napoleon von dieser auch für ihn getroffenen Bestimmung noch im letzten Augenblick befreien. Einquartierungen, Truppendurchzüge, Kontributionen, Erpressungen, dazu Rauben und Plündern, Brennen und Morden seitens der das Land knechtenden Franzosen nahmen jetzt überhand. Kein Stand, kein Geschlecht, kein Alter wurde geschont. Die Städte wurden mit Einquartierungen und Forderungen an Geld und Naturalien schier überlastet.

Mitten in den Straßen wurden Wachtfeuer angezündet und alles Holz, wie Türen, Bretter, Gartenzaune, selbst Möbel als Brennmaterial verwandt. Vorräte an Lebensmitteln und Kochgerätschaften wurden den Bewohnern aus den Häusern entwendet. Vor den Bäckereien wurden mehrfach Posten aufgestellt, damit kein Brot an die Bewohner verkauft, sondern alles für die französischen Soldaten reserviert werde. Die Kirchen wurden als Vorratshäuser für Heu und Stroh gebraucht.

So wurde z. B. in der Johanneskirche in Neubrandenburg vom Sommer l807 an zwei Jahre überhaupt nicht gepredigt, die Marienkirche daselbst mehrfach als Pulvermagazin eingerichtet. In Schwerin wurden auf der dortigen Gemäldesammlung auf Napoleons Befehl über 200 Gemälde samt vielem Porzellan eingepackt und nach Paris geschickt. Auf dem Lande wurde den Bauern das Korn mit ihren eigenen Pferden aus den Scheunen fortgebracht. Männer und Frauen, Greise und Kinder wurden mißhandelt und von Haus und Hof vertrieben.

Im November 1806 hatte Napoleon von Berlin aus über England die Kontinentalsperre verhängt und so jeglichen Handel mit dem Inselreich verboten. Zwar konnte nach dem Frieden von Tilsit im Juli 1807 Friedrich Franz in sein Land zurückkehren, mußte aber mitsamt dem Strelitzer Herzog dem Rheinbunde beitreten, der unter Napoleons Protektorat stand.

Mecklenburg-Schwerin hatte 1700, Strelitz 400 Soldaten zu stellen. Die mecklenburgischen Truppen wurden nun ganz nach französischem Muster uniformiert und ausgerüstet. Zugleich kam eine große Anzahl französischer Zollbeamten, Douaniers, zur Überwachung der Kontinentalsperre ins Land. Bald stockte Handel und Wandel im Lande völlig. In Rostock lagen schließlich die Schiffe ohne Masten, Segel und Flaggen, ihr Holz begann im Schlamm zu verfaulen.

Allerdings waren die Douaniers der Bestechlichkeit seitens der Bevölkerung zugängig und vertrieben, wie die Geburtenregister mancher Kirchenbücher noch nachweisen, viele Zeit mit Liebeshändeln. Die Heiterkeit und der frohe Sinn der Seeleute aber war dahin. Kaperboote weilten auf der Reede und lauerten tagtäglich auf einen guten Fang. Überall wurde heimlicher Schleichhandel getrieben, der nur immer größeres Mißtrauen der Bürger untereinander erzeugte, denn niemand wagte ein offenes, freies Wort, geschweige denn seine eigene Meinung zu sagen aus Furcht vor der Rache der frauzösischen Beamten. Das Pascherhandwerk (Schmuggelei) nahm, wie im ganzen Lande, so besonders an der Küste immer mehr zu. Nicht selten aber befanden sich unter den eingeschmuggelten Gegenständen und Waren ungesunde, ja ekelhafte Fabrikate. Geld war überhaupt kaum noch im Lande vorhanden.

Im Jahre 1809 zwar ging in Österreich eine mächtige freiheitliche Bewegung durch das Volk. Man hoffte Preußen und ganz Norddeutschland mitzureißen zum Kampf gegen den Volksbedrücker Napoleon. Nicht fehlte es in verschiedenen Orten in Deutschland an Beifallskundgebungen...

Hand in Hand mit der österreichischen Bewegung lief der Kampf der Tiroler unter Andreas Hofer sowie der Versuch des tapferen preußischen Majors von Schill, der ohne Wissen seines Königs auf eigene Hand von Berlin aus sich mit seinen Husaren und Jägern gegen Napoleon wandte, um in Preußen und ganz Deutschland für eine allgemeine Erhebung zu wirken. Aber Preußen rührte sich nicht, sein König blieb neutral. Schill mußte vor den Franzosen fliehen, durcheilte Mecklenburg von Dömitz bis Ribnitz und fiel schließlich in heldenmütigem Straßenkampfe in Stralsund. Seine Offiziere wurden in Wesel erschossen. Ein ähnliches Schicksal hatte der unerschrockene Tiroler Volksführer, und die Österreicher selbst wurden in mehreren Schlachten von Napoleon völlig besiegt. Die ganze Bewegung war niedergedrückt, das fremde Joch wurde schwerer, als es zuvor gewesen.

Mitten in dieser Unglückszeit, die nächst dem Dreißig-Jährigen Kriege in der Geschichte kaum ihresgleichen findet, starb am 19. Juli 1810 im Schlosse zu Hohenzieritz bei Neustrelitz die Königin Luise von Preußen, geborene Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz. Sie war es gewesen, die ihren Gemahl, den König Friedrich Wilhelm III., in all der Not, besonders auf seiner Flucht nach Königsberg und Memel, in seiner Verzweiflung stets getröstet und wieder aufgerichtet hatte. Eine große Trauer um diese hehrste aller Frauen, die je auf einem Fürstenthron gesessen haben, durchzog die Herzen aller Deutschen und besonders der Mecklenburger, deren Ruhm und Stolz sie stets gewesen.

Das Jahr 1811. aber bildete gleichsam den Höhepunkt der Not. Die eigenen Landesprodukte mußten an die Franzosen für einen Spottpreis abgegeben werden, dagegen stiegen ausländische Waren im Preise so hoch, daß sie kaum mehr zu bezahlen waren. So galt ein Pfund Zucker ebensoviel als ein Scheffel Weizen, d. h. 2 bis 3 Taler. Im Jahre 1810 schon hatte Mecklenburg etwa 280.000 Taler außerordentliche Kontribution leisten müssen, im Jahre 1811 wurden es sogar 340.000 Taler. Unter dem Vieh trat die Rinderpest auf. Der Kredit war vollständig gesunken, und so mußten in diesem Jahre etwa 60 Landgüter den Konkurs anmelden.
Wie aber um diese Zeit die Franzosen unter den Bewohnern im Lande hausten, davon mag ein Augenzeuge selber Berichten:

,,Die Einwohner wurden barbarisch vom Feinde gemißhandelt, wenn kein Geständnis verborgener Schätze mehr zu erpressen war; Kisten und Schränke wurden zerschlagen, alles mutwillig zerstört und die unglücklichen Familien halb nackt verjagt; Väter, denen Rock und Stiefel ausgezogen waren, wurden mit Kindern unter den Armen und auf dem Rücken, Mütter mit wimmernden Säuglingen an der Brust in kalte Hölzungen und unzugängliches Röhricht getrieben. Hier im Dickicht standen auch zum Teil die Pferde und Kühe der armen Geflüchteten; Höhlen unter der Erde bargen vor Sturm und Kälte. Die Wohnungen in den Dörfern standen leer oder waren zum Teil ein Raub der Flammen geworden. Die Plünderung ward besonders auf dem Lande mit empörender Grausamkeit betrieben. Die Marketenderwagen fuhren vor die Haustüren und wurden hoch mit Betten, Leinenzeug, Kleidern, Silbergeschirr und kostbarem Hausgerät beladen. Murat’s Kürassiere schütteten nach vollbrachtem Tagewerk das Geld scheffelweise auf den Scheundielen aus, um es nach ungefährem Augenmaß unter sich zu teilen. Ihre gesattelten Pferde standen auf dem Dreschkorn und verdarben die hingebreiteten Lagen. Im Hause, wo die besten Sachen verborgen waren, ward geschmaust und gezecht; betrunken lagen die Räuber auf der Erde und drohten das Haus anzuzünden, wenn der nach Wein zur nächsten Stadt geschickte Bote nicht zur rechten Zeit einträfe. Herr und Frau lagen auf den Knieen, die Kinder winselnd in einem Winkel.“

Freitag, 6. August 2010

Über das Heilige Römische Reich

Kaiser Franz I. von Österreich im österreichischen Kaiserornat
hier gefunden

Der Staat, in dem die Deutschen die längste Zeit ihrer Geschichte lebten, ist erst seit wenig mehr als 200 Jahren untergegangen, man muß dennoch sehr nach seiner Präsenz im heutigen Bewußtsein suchen. Manchmal kommt einem dieses Land vor wie ein junger afrikanischer Nationalstaat, der seine koloniale Vergangenheit am liebsten auslöschen möchte, verwirrte Zeiten, nun warum auch immer und wie auch immer.

Am 1. August 1806 erklärten Bayern, Württemberg, Kurmainz, Baden, Hessen-Darmstadt, Nassau, Kleve und Berg, Hohenzollern-Sigmaringen und ein paar weitere „Fürsten“ gegenüber dem Reichstag den Austritt aus dem Reich. Napoleon gab zugleich zu erkennen, die Reichsverfassung nicht mehr anerkennen zu wollen. Die ersteren hatten sich zuvor zum Rheinbund zusammengeschlossen und sich Napoleon zum Protektor erwählt, der belohnte sie dafür mit Königstiteln und anderen Erhöhungen.

Ich weiß nicht , ob es derartige Fernwirkungen gibt, aber wenn man sich fragt, wie 1918 jahrhundertealte Bindungen geradezu pulverisieren konnten, dann kann man daran erinnern, daß eine Reihe deutscher „Fürsten“ in einer Mischung aus Skrupellosigkeit, Schwäche, Eigennutz und Gier ein wunderbares Vorbild abgaben.

Es liegt nahe, Franz II. das Niederlegen der Krone des Heiligen Römischen Reichs übelzunehmen, zumal außer Preußen ja noch eine Reihe weiterer Staaten im Reichsverband verblieben waren, aber durch den Reichsdeputationshauptschluß von 1803 gab es zudem ein protestantisches Übergewicht im Reich, so daß ein Nachfolger Franz II. vermutlich kein Habsburger mehr gewesen wäre.

Napoleon tat nun also das, wovon schon viele französische Könige geträumt hatten, er griff nach der römischen Kaiserkrone und begann zuvor damit, die alte Verfassung des Reichs auszuhöhlen. Johann Aloys Josef Freiherr von Hügel und Graf von Stadion hatten ein Gutachten über die Bewahrung der Kaiserwürde des Reiches verfaßt mit dem eben genannten Ergebnis und dem Ausblick, daß ein Festhalten am Kaisertitel zum Krieg mit Napoleon führen würde, sie empfahlen daher den Verzicht.

In gewisser Weise nahm Napoleon Franz II. die Entscheidung darüber ab, denn in einem Ultimatum wurde dem österreichischen Gesandten in Paris, General Vincent, mitgeteilt, sollte Franz II. bis zum 10. August nicht abdanken, würde Österreich angegriffen. Und so verkündete am 6. August 1806 Franz II., er sähe sich nicht mehr in der Lage, seine kaiserlichen Pflichten zu erfüllen. Der Herold des Reiches bestieg die Balustrade der Kirche "Zu den neun Chören der Engel" am Hof in Wien und verkündete das Ende des Reichs mit den Worten seines letzten Kaisers:

„…, daß Wir das Band, welches Uns bis jetzt an den Staatskörper des deutschen Reichs gebunden hat, als gelöst ansehen, daß Wir das reichsoberhauptliche Amt und Würde durch die Vereinigung der conföderirten rheinischen Stände als erloschen und Uns dadurch von allen übernommenen Pflichten gegen das deutsche Reich losgezählt betrachten, und die von wegen desselben bis jetzt getragene Kaiserkrone und geführte kaiserliche Regierung, wie hiermit geschieht, niederlegen.“

Er löste das Reich gleich mit auf, wozu er gar nicht berechtigt war, denn der Kaiser war nur ein Organ des Reiches neben anderen, er verkündete:

„Wir entbinden zugleich Churfürsten, Fürsten und Stände und alle Reichsangehörigen, insonderheit auch die Mitglieder der höchsten Reichsgerichte und die übrige Reichsdienerschaft, von ihren Pflichten, womit sie an Uns, als das gesetzliche Oberhaupt des Reichs, durch die Constitution gebunden waren.“

Damit war ihm nur noch das eben erst geschaffene österreichische Kaisertum verblieben. Sicherlich wäre auch ohne diesen Schritt das Alte Reich untergegangen. Man war sozusagen in einem Akt von Staatsklugheit Napoleon zuvorgekommen. Daß es keinen Widerstand gegen die Auflösung des Reiches gab und es nach dem Sieg über Napoleon auch nicht wiederbegründet wurde, spricht für sich. In gewisser Weise war die Aggression Napoleons auch mit einer Art Charakterprüfung verbunden. In Preußen hatte man daraus Lehren gezogen, die unter den „Hardenberg- Stein’schen Reformen“ bekannt sind, und es hatte ein Selbstbewußtsein gestärkt, daß sich etwa an einer Königin Luise aufrichten konnte. Aber diese Probe haben viele auch nicht bestanden.

Ich hatte schon einmal einen Anlauf gemacht, über dieses Heilige Römische Reich zu schreiben, der nun wieder nicht zustande kommt, aber dieses Datum wollte dich doch festhalten. Übrigens unter dem gleichen Datum begann ein paar Jahre zuvor die Schändung der Grablege der französischen Könige der Basilika Saint-Denis, wochenlang werden die Leichname in einem Massengrab verscharrt oder in die Seine geworfen, die Monumente verwüstet, nicht ganz unpassend.

Montag, 18. Januar 2010

Reichsgründungstag


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Ernst Moritz Arndt

Der Gott, der Eisen wachsen ließ

Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
der wollte keine Knechte,
drum gab er Säbel, Schwert und Spieß
dem Mann in seine Rechte,
drum gab er ihm den kühnen Mut,
den Zorn der freien Rede,
daß er bestände bis aufs Blut,
bis in den Tod die Fehde.

So wollen wir, was Gott gewollt,
mit rechten Treuen halten
und nimmer um Tyrannensold
die Menschenschädel spalten.
Doch wer für Schand und Tande ficht,
den hauen wir in Scherben,
der soll im deutschen Lande nicht
mit deutschen Männern erben!

O Deutschland heil’ges Vaterland,
o deutsche Lieb’ und Treue!
Du hohes Land, du schönes Land,
wir schwören dir aufs Neue:
Dem Buben und dem Knecht die Acht,
der speise Kräh’n und Raben!
So ziehen wir aus zur Hermannsschlacht
Und wollen Rache haben.

Laßt brausen, was nur brausen kann,
in hellen, lichten Flammen!
Ihr Deutsche alle Mann für Mann,
zum heil’gen Krieg zusammen!
Und hebt die Herzen himmelan
Und himmelan die Hände,
und rufet alle Mann für Mann:
Die Knechtschaft hat ein Ende.

Laßt wehen, was nur wehen kann,
Standarten weh’n und Fahnen,
wir wollen heut uns Mann für Mann
zum Heldentod ermahnen.
Auf! Fliege hohes Siegspanier,
voran den kühnen Reihen!
Wir siegen oder sterben hier
Den süßen Tod der Freien.

Ein sehr patriotisches Lied, etwas fremd geworden in den letzten 200 Jahren in seinem martialischen Tonfall, denn Ernst-Moritz Arndt hat es bereits 1812 geschrieben, da versuchten sich die deutschen Lande gerade von ihrem Befreier Napoleon zu befreien. Genauer gesagt, war letzterer damit beschäftigt, in Rußland zu scheitern und Arndt als ein glühender Agitator der deutschen Freiheit und des deutschen Selbstbewußtseins versuchte an die Selbstachtung der Deutschen zu appellieren und sie zum Widerstand gegen den Okkupanten anzustacheln.

Daß zu dieser Zeit die Franzosen nicht unbedingt beliebte Nachbarn waren, sollte einleuchten. Arndt aber war zudem der Meinung, daß es einen unverfälschten Volkscharakter zu verteidigen gälte, um solcherlei Übergriffe für die Zukunft auszuschließen. Man darf nicht vergessen, daß durch den Niedergang des Heiligen Römischen Reiches sich in den letzten Jahrhunderten fremde Mächte bis zum Exzeß immer wieder in Deutschland ausgetobt hatten, etwa die Franzosen unter Ludwig XIV. in der Pfalz. Bei Arndt führte das nun zu einer militanten Antipathie gegen alles Fremde, seien es Franzosen oder Juden, die ihm heute vorgeworfen wird.

Nun gehört Geschichtswissen geschweige denn –verständnis nicht unbedingt zu den Eigenschaften der Meinungsstarken, am wenigsten bei denen, die in Säuberungsphantasien schwelgen. Dies ist auch der Grund, warum ich dies überhaupt erwähne, denn wenn ich persönlich auch nicht der größte Arndt-Fan bin, so ist doch die Kampagne interessant, weil typisch für die Gegenwart, die gerade an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifwald eine erste Niederlage einstecken mußte. Bei einer Urabstimmung letzten Freitag unter den Studenten dort entfielen nämlich mehr als die Hälfte der gültigen Stimmen (knapp 56 Prozent) gegen den Wunsch einer Kampagne, diesen Namen zu beseitigen. Ein Vorgang, der in den Medien dieses Landes nicht unbedingt die Aufmerksamkeit fand, die er sicher gehabt hätte, wenn das Ergebnis andersherum ausgefallen wäre. Aber ich will mich dahinein nicht weiter vertiefen, es gibt Gründe, warum ich die letzten 80 Jahre am liebsten unbeachtet lasse. Einer davon ist, daß derartige Purifizierungsphantasien, die sehr in Mode gekommen sind, immer auch etwas verdeckt gewalttätiges haben. Kurioserweise landen sie in diesem Fall damit genau bei der Denkstruktur, die sie doch zu bekämpfen vorgeben.

Ein anderes: Wenn man so will, wurde heute in Versailles mit der Kaiserproklamation vom 18. Januar 1871 der deutsche Staat gegründet, in dem wir heute noch leben. Staatsrechtlich ist das wohl so, auch wenn heutzutage ungern daran erinnert wird. Der Beckmesser könnte allerdings einwenden, daß dieser Staat noch ein paar Tage älter ist, denn letztlich war dieses „Deutsche Reich“ nur die Erweiterung des „Norddeutschen Bundes“, dessen Verfassung am 1. Juli 1867 in Kraft trat. Aber genug Geschichte für heute.

Donnerstag, 11. Juni 2009

Metternich oder Über einen zu schmalen Nachruhm


The Zenith of French Glory: The Pinnacle of Liberty. Religion, Justice, Loyality &
all the Bugbears of Unenlightend Minds, Farewell!". A satire of the radicalism of the French Revolution. A picture by James Gillray.

Eine zeitgenössische Karrikatur auf die französiche Revulution,Februar 1793,
hier gefunden

Ich gestehe, auch ich bin mehr abhängig von den eigenen Vorurteilen, als ich für gewöhnlich zugeben mag, man trägt sie so unbewußt mit sich herum, wie man vieles andere mit sich herumträgt, all diese allgemeinen Neigungen und Meinungen sinken herab, verfestigen sich zu einem Sediment, auf dem man dann lebt, irgendwie.

Warum die Vorrede, Gebhard Leberecht von Blücher hat einmal über jemanden geurteilt, der vor 150 Jahren gestorben ist: „Der Metternich, der Millionenhund, der Schuft, welcher gehenkt zu werden verdient, hat euch alle an der Leine und Leitseil, Schwerenot!“ Man glaubt es nicht, das ist erst 150 Jahre her, obwohl der gute Vater Blücher hat es ja geschafft, irgendwie im Alltagsdeutsch zu überleben, „da geh‘n wir ran wie Blücher“, Chapeau.

Der Schuft war Clemens Wenceslaus Nepomuk Lothar Fürst von Metternich-Winneburg zu Beilstein, der böse österreichische Kanzler, der alle Freiheitsbestrebungen nach dem Sieg über Napoleon bekämpft hatte… Wie auch immer, das sind die Angelegenheiten von anderen.

Und dennoch, ich gebe zu, Metternich war ein Name, der mir latent unsympathisch war, und dann las ich heute diesen Artikel hier:

„Und doch hatte Europa ihm mehr zu verdanken als allen Revolutionären der Epoche, von Rousseau über Robespierre und Fouchet bis zu Napoleon.

Nach 25 Jahren Bürgerkrieg und Krieg berief er 1814, nachdem Napoleon besiegt und zum Fürsten von Elba degradiert worden war, den großen Friedenskongreß nach Wien ein, nicht um das erobernde Frankreich zu bestrafen, sondern um eine europäische Friedensordnung zu schaffen, die mehr sein sollte als Gleichgewicht widerstreitender Kräfte oder, in heutiger Diktion, Multipolarität.“

Ich habe Metternich bisher hauptsächlich als jemanden gesehen, der deutsche Einigungsbestrebungen aufhalten wollte, was, von seiner Position her gesehen, ja auch durchaus rational war. Aber dabei sind mir 2 Aspekte entgangen: Sein begründeter Abscheu vor Revolutionen (ich denke, das obige Bild gibt seine wie auch meine Auffassung zu diesem Sachverhalt hinreichend wieder) und seine anerkennenswürdige Denkweise, wie Frieden herzustellen wäre, keinen infantilen Rache-„Frieden“, wie er etwa 100 Jahre später veranstaltet wurde, mit allen bekannten Folgen.

Wir haben übrigens gerade herrlichstes Sturmwetter, ich habe versucht, ein paar Bilder dabei zu machen.