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Freitag, 21. Oktober 2011

nächtlich





Wir sind gerade ein wenig zu müde, aber nun gut.

That time of year thou mayst in me behold
When yellow leaves, or none, or few, do hang
Upon those boughs which shake against the cold,
Bare ruined choirs, where late the sweet birds sang.
In me thou see’st the twilight of such day
As after sunset fadeth in the west;
Which by and by black night doth take away,
Death’s second self, that seals up all in rest.
In me thou see’st the glowing of such fire,
That on the ashes of his youth doth lie,
As the death-bed, whereon it must expire,
Consum’d with that which it was nourish’d by.
This thou perceiv’st, which makes thy love more strong,
To love that well, which thou must leave ere long.

Shakespeare, LXXIII


Die zeit des jahres magst du in mir sehn
Wo gelbe blätter • keine • wenige hangen
Auf diesen ästen die im wind sich drehn •
Chor-trümmer kahl wo einst die vögel sangen.

In mir siehst du zwielicht von solchem tag
Der nach der sonne weggang bleicht im west •
Das schwarze nacht gar bald entführen mag ..
Zwilling des tods umhüllt sie alles fest.

In mir siehst du das brennen solcher glut
Die auf den aschen ihrer jugend schwebt
Wie auf dem totenbett wo sie bald ruht –
Durch das verzehrt wovon sie einst gelebt.

Dein lieben wächst • wirst du dir dess bewusst •
Und du liebst wohl was du bald lassen musst.

Übersetzung von Stefan George

Das waren also die notwendigen Nachträge. Das Sonett ist von Shakespeare, wie wir alle wissen, und da dort von Feuer und Asche die Rede ist… Hier wäre noch eine Übersetzungsvariante, ist auch sonst interessant zu lesen.

Dienstag, 11. Oktober 2011

Ein wenig über Shakespeare


Nein, keine Angst, zwar etwas über William Shakespeare, aber kaum von mir. Aus den wenigen überlieferten Lebenszeugnissen, wie etwa seinem Testament, springt jemanden keinesfalls etwas Außerordentliches an. Vielleicht gab es einen kaum überbrückbaren Unterschied zwischen dem öffentlichen Shakespeare und dem schreibenden Shakespeare. Letzterer war ein Sprachgenie, das alle Abgründe, Ebenen und Untiefen des Lebens kannte und beschrieb. Ein Mann von psychologischer Tiefenschärfe, der sich in jede denkbare existentielle Situation einzufühlen vermochte.

War er einfach bipolar? Das Charakterbild, das wir aus dem wenigen ablesen können, was nicht zum Werk gehört, ist oft weniger erfreulich oder sagen wir, schwankend, ein nüchterner Geschäftsmann, meist leutselig, wenn auch in einer distanzierten Weise. Kein Wunder, daß irgendwann das Gerücht aufkam, er sei nicht der wahre Autor seiner Stücke gewesen. Wie auch immer. Vielleicht wollte er mit dem Dasein als Schauspieler und Stückeschreiber eben diesem anderen Selbst entfliehen, zeitweise. Schließlich geht es um Verwandlung, auch um ein gewisses Sich-darstellen.

Mir wurde gesagt, mein letzter Eintrag hier wäre etwas kryptisch gewesen. Das ist ganz einfach zu erklären, es gab einen äußeren Anlaß, sich genauer mit Shakespeare zu beschäftigen, ich will damit aber hier nicht langweilen, auch wenn ich das kurz erwogen hatte. Möglicherweise jedoch ist es keine ganz platte Idee, 4 Zitate von ihm anzubringen, die den Geist etwas in Bewegung zu halten vermögen, also:


Purpose is but the slave to memory,
Of violent birth, but poor validity;
Which now, like fruit unripe, sticks on the tree,
But fall unshaken when they mellow be.
Most necessary 'tis that we forget
To pay ourselves what to ourselves is debt.
What to ourselves in passion we propose,
The passion ending, doth the purpose lose.
The violence of either grief or joy
Their own enactures with themselves destroy.
Where joy most revels, grief doth most lament;
Grief joys, joy grieves, on slender accident.
This world is not for aye, nor 'tis not strange
That even our loves should with our fortunes change;
For 'tis a question left us yet to prove,
Whether love lead fortune, or else fortune love.
The great man down, you mark his favourite flies,
The poor advanc'd makes friends of enemies;
And hitherto doth love on fortune tend,
For who not needs shall never lack a friend,
And who in want a hollow friend doth try,
Directly seasons him his enemy.
But, orderly to end where I begun,
Our wills and fates do so contrary run
That our devices still are overthrown;
Our thoughts are ours, their ends none of our own.

Der Vorsatz ist ja der Erinnrung Knecht,
Stark von Geburt, doch bald durch Zeit geschwächt,
Wie herbe Früchte fest am Baume hangen,
Doch leicht sich lösen, wenn sie Reif erlangen.
Notwendig ist‘s, daß jeder leicht vergißt
Zu zahlen, was er selbst sich schuldig ist.
Wo Leidenschaft den Vorsatz hingewendet,
Entgeht das Ziel uns, wann sie selber endet.
Der Ungestüm sowohl von Freud als Leid
Zerstört mit sich die eigne Wirksamkeit.
Laut klagt das Leid, wo laut die Freude schwärmet;
Leid freut sich leicht, wenn Freude leicht sich härmet.
Die Welt vergeht: es ist nicht wunderbar,
Daß mit dem Glück selbst Liebe wandelbar;
Denn eine Frag ist‘s, die zu lösen bliebe,
Ob Lieb das Glück führt, oder Glück die Liebe.
Der Große stürzt, seht seinen Günstling flieh‘n;
Der Arme steigt, und Feinde lieben ihn.
So weit scheint Liebe nach dem Glück zu wählen.
Wer ihn nicht braucht, dem wird ein Freund nicht fehlen,
Und wer in Not versucht den falschen Freund,
Verwandelt ihn sogleich in einen Feind.
Doch um zu enden, wo ich ausgegangen,
Will und Geschick sind stets in Streit befangen.
Was wir ersinnen, ist des Zufalls Spiel,
Nur der Gedank ist unser, nicht sein Ziel.

Hamlet III,2


Ian McKellen, Macbeth V,5
hier gefunden

Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow
Creeps in this petty pace from day to day
To the last syllable of recorded time;
And all our yesterdays have lighted fools
The way to dusty death. Out, out, brief candle!
Life's but a walking shadow, a poor player
That struts and frets his hour upon the stage
And then is heard no more. It is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signifying nothing.

Morgen, und morgen, und dann wieder morgen,
Kriecht so mit kleinem Schritt von Tag zu Tag,
Zur letzten Silb auf unserm Lebensblatt;
Und alle unsre Gestern führten Narren
Den Pfad zum staubigen Tod. Aus, kleines Licht!
Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild,
Ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht
Sein Stündchen auf der Bühn und dann nicht mehr
Vernommen wird; ein Märchen ist‘s, erzählt
Von einem Irren, voller Klang und Wut,
Das nichts bedeutet.

Macbeth V,5


O you heavenly Charmers,
What things you make of us! For what we lacke
We laugh, for what we have, are sorry, still
Are children in some kind. Let us be thankefull
For that which is, and with you leave dispute
That are above our question: Let's goe off,
And beare us like the time.

Ihr Zauberer dort droben, sagt, was macht ihr
Aus uns für Wesen? Laßt bei dem uns lachen,
Was wir entbehren, und bei dem uns trauern,
Was wir haben. Wahre Kinder sind wir!
Doch laßt uns dankbar sein für das, was ist,
Und hadern nicht mit Euch, den über uns
Allmächtig Waltenden. Kommt jetzt mit mir,
Und was die Zeit verlangt, das laßt uns tun!

The Two Noble Kinsmen, "Die beiden edlen Vettern", V,4


Our revels now are ended. These our actors,
As I foretold you, were all spirits and
Are melted into air, into thin air:
And, like the baseless fabric of this vision,
The cloud-capp'd towers, the gorgeous palaces,
The solemn temples, the great globe itself,
Yea, all which it inherit, shall dissolve
And, like this insubstantial pageant faded,
Leave not a rack behind. We are such stuff
As dreams are made on, and our little life
Is rounded with a sleep.

Das Fest ist jetzt zu Ende; unsre Spieler,
wie ich euch sagte, waren Geister und
Sind aufgelöst in Luft, in dünne Luft.
Wie dieses Scheines lockrer Bau, so werden
Die wolkenhohen Türme, die Paläste,
Die hehren Tempel, selbst der große Ball,
Ja, was daran nur teilhat, untergehn;
Und wie dies leere Schaugepräng' erblaßt,
Spurlos verschwinden. Wir sind aus solchem Zeug
Wie das zu Träumen, und unser kleines Leben
Umschließt ein Schlaf.

The Tempest, „Der Sturm“ IV / 1


Loreena McKennitt - Prospero's Speech
hier gefunden

beendet 14. Oktober

Montag, 10. Oktober 2011

Kleinere Nachträge


William Shakespeare, Sonett XVIII
Shall I compare thee to a summer's day?
gesungen von Bryan Ferry, hier gefunden

William Shakespeare

XVIII


Shall I compare thee to a summer's day?
Thou art more lovely and more temperate:
Rough winds do shake the darling buds of May,
And summer's lease hath all too short a date:
Sometime too hot the eye of heaven shines,
And often is his gold complexion dimm'd,
And every fair from fair sometime declines,
By chance, or nature's changing course untrimm'd:
But thy eternal summer shall not fade,
Nor lose possession of that fair thou ow'st,
Nor shall death brag thou wander'st in his shade,
When in eternal lines to time thou grow'st,
So long as men can breathe, or eyes can see,
So long lives this, and this gives life to thee.

XVIII

(nach Stefan George)


Soll ich vergleichen einem sommertage
Dich der du lieblicher und milder bist?
Des maien teure Knospen drehn im schlage
Des sturms und allzukurz ist sommers frist.

Des himmels aug scheint manchmal bis zum brennen,
Trägt goldne farbe die sich oft verliert,
Jed schön will sich vom schönen manchmal trennen
Durch zufall oder wechsels lauf entziert.

Doch soll dein ewiger sommer nie ermatten:
Dein schönes sei vor dem verlust gefeit.
Nie prahle Tod, du gingst in seinem schatten . . .
In ewigen reimen ragst du in die zeit.

Solang als menschen atmen, augen sehn
Wird dies und du der darin lebt bestehn.

Ein freundlicher italienischer Cafehausinhaber heute zu mir (in etwa): „Zu Hause sagt man, dieser Papst jetzt ist noch klüger als der davor“, und mit aufleuchtenden Augen: „und alle haben sie Angst vor ihm, am meisten die Chinesen“, es waren natürlich die „Anderen“ gemeint, die sich fürchten müßten, nicht die eigenen.

Dies ist ein Nachtrag. Ich habe kürzlich den bescheidenen Versuch gemacht, ein paar Gedanken zu Shakespeares Sonetten zusammenzutragen, nun ja, vielleicht gibt es weitere Nachträge, diesmal aber nur dies.
nachgetragen am 12. Oktober

Dienstag, 20. September 2011

Über Shakespeare & Kronprinzessinnen



Am 20. September 1886 wurde Cecilie Auguste Marie Herzogin zu Mecklenburg, die letzte Kronprinzessin des Deutschen Reichs geboren. Ich hatte früher einmal daran erinnert, daß Herr Thomas Roloff in der Pfingstkirche zu Potsdam am Vorabend ihres Todestages diese Gedächtnisansprache hielt. Das wäre damit gesagt, und hier der Link.

Ich denke, ich habe nie zuvor einen halbgaren Post hier angebracht, nun, einer von dem ich dachte, er sei es. Doch da ich mich die letzten Tage intensiv mit Shakespeares Sonetten beschäftigen mußte, nicht daß mich irgendetwas dazu prädestinieren würde, zwei Zeugen meiner Bemühungen, tut mir leid, ich bin zu müd für etwas Vernünftiges. Aber diese beiden Stücke sagen doch etwas sehr genau aus über zwei ganz entgegengesetzte Zustände des Menschlichen. Also ist Poesie manchmal auch eine Art Führer an der menschlichen Seele entlang.


XVIII "Shall I compare thee to a summer's day?"
Bryan Ferry, hier gefunden

XVIII

nach Stefan George

Soll ich vergleichen einem sommertage
Dich der du lieblicher und milder bist?
Des maien teure Knospen drehn im schlage
Des sturms und allzukurz ist sommers frist.

Des himmels aug scheint manchmal bis zum brennen,
Trägt goldne farbe die sich oft verliert,
Jed schön will sich vom schönen manchmal trennen
Durch zufall oder wechsels lauf entziert.

Doch soll dein ewiger sommer nie ermatten:
Dein schönes sei vor dem verlust gefeit.
Nie prahle Tod, du gingst in seinem schatten . . .
In ewigen reimen ragst du in die zeit.

Solang als menschen atmen, augen sehn
Wird dies und du der darin lebt bestehn.


CXLVII – “My love is as a fever longing still”
Rock Filarmonica Oradea, hier gefunden

CXLVII

nach Otto Gildemeister


Mein Lieben ist wie Fieber, stets begehrend
Nach allem, was die Krankheit nährt in mir,
Und alles, was das Übel stärkt, verzehrend,
Verführt von kränklich-schwankender Begier.

Vernunft, des Herzens Arzt, hat mich verlassen,
Voll Zorns, weil ich nicht tat, was er gebot,
Und rettungslos beginn ich’s nun zu fassen
Begierde, die den Arzt verwarf, ist Tod.

Verlassen von Vernunft, bin ich verloren,
Und rasend-toll vor Unruh immerdar,
Denk ich und rede wie verrückte Toren
Ins Blaue, leeren Schall, der Wahrheit bar.

Dich nannt’ ich schön, dich hab ich rein gedacht,
Und bist doch schwarz wie Hölle, wüst wie Nacht.

Dienstag, 26. April 2011

Shakespeare


When I consider everything that grows
Holds in perfection but a little moment;
That this huge stage presenteth naught but shows
Whereon the stars in secret influence comment;
When I perceive that men as plants increase,
Cheered and cheque'd even by the self-same sky,
Vaunt in their youthful sap, at height decrease,
And wear their brave state out of memory:
Then the conceit of this inconstant stay
Sets you, most rich in youth, before my sight,
Where wasteful time debateth with decay,
To change your day of youth to sullied night:
And all in war with time for love of you,
As he takes from you, I engraft you new.


Bedenke ich, wie alles hier im Leben
Nur kurze Weile im Zenite kreist,
Wie in der Sterne unerforschtem Weben
Nur Schatten diese große Bühne weist;
Seh' ich der Pflanze gleich den Mensch erstehn,
Genährt vom gleichen Himmel und zerstört,
Im Vollbesitz der Jugendkraft vergehn,
Bis alles der Vergessenheit gehört;
Dann bei der Ahnung der Vergänglichkeit
Erscheinst du mir in jugendlicher Pracht,
Mit dem Verfall seh' ich im Kampf die Zeit,
Die deinen Tag versenkt in düstre Nacht.
Doch biet' ich Trotz ihr, ganz in Liebe dein,
Was sie dir nimmt, will ich dir neu verleihn.

Sonett XV, übersetzt von Max Josef Wolff

Zufällig war ein Lesezeichen an dieser Stelle in einer meiner Ausgaben seiner Sonette. Also nahm ich dieses, nur um anzuzeigen, ich kapituliere vor dem Versuch, etwas Sinnvolles über ihn zu schreiben, und dabei gehört er zu den wenigen, die einen sofort in ihren Bann ziehen und vergessen machen, daß er eher kein Zeitgenosse ist. Angeblich haben wir Deutschen eine besondere Beziehung zu ihm, ich weiß nicht, ich jedenfalls habe sie. William Shakespeare wurde übrigens am 26. April 1564 getauft.

Freitag, 23. April 2010

Zwei Williams



Die Umstände haben mir etwas die Zeit genommen, also in Kürze: Der erste William ist W. Wordsworth, geboren am 7. April 1770, eines seiner berühmtesten Gedichte (über „Daffodils“ - „Narzissen“) habe ich hier kürzlich mit der Übersetzung von Prof. Aue angebracht.

My heart leaps up when I behold
A rainbow in the sky:
So was it when my life began;
So is it now I am a man;
So be it when I shall grow old,
Or let me die!
The Child is father of the Man;
And I could wish my days to be
Bound each to each by natural piety.

Ein anderes, nicht unbekanntes Werk, eine deutsche Übersetzung dessen findet sich hinter diesem Link, in einer ganzen Sammlung von Übersetzungen von Werken dieses in Deutschland nicht ganz so bekannten Dichters, sehr empfehlenswert.



Nun, bei dem anderen William würde ich mich schnell lächerlich machen, wenn ich etwas zu ihm sagen wollte, William Shakespeare wurde wahrscheinlich am 23. April 1564 geboren und ist ziemlich sicher am 23. April 1616 gestorben. Ich ringe mir noch die Banalität ab, wie sehr ich seine Sonette schätze.

Ich bin vor einiger Zeit auf einige moderne Interpretationen gestoßen, die ich sehr bemerkenswert fand, zwei davon sollen anschließend folgen, vielleicht kommt morgen dann noch etwas hinzu.


Shakespear Sonett Nr. 29, gesungen von Rufus Wainwright
hier gefunden

SHAKESPEARE'S SONNET No.18 - BRYAN FERRY

Dienstag, 10. November 2009

Literarische Streifzüge



Es war sehr anregend und angenehm heute abend, und ich bin offen gestanden zu müde, um hier noch Gedankenanstrengungen vorzutäuschen, nur soviel, zum einen sollte ich doch wenigstens den Text zitieren, von dem der Großteil des Ophelia-Mythos ausgeht, also:

"Hamlet IV, 7

Queen.
There is a willow grows aslant a brook,
That shows his hoar leaves in the glassy stream;
There with fantastic garlands did she come
Of crowflowers, nettles, daisies, and long purples,
That liberal shepherds give a grosser name,
But our cold maids do dead men’s fingers call them.
There, on the pendant boughs her coronet weeds
Clamb’ring to hang, an envious sliver broke;
When down her weedy trophies and herself
Fell in the weeping brook. Her clothes spread wide;
And, mermaid-like, awhile they bore her up;
Which time she chaunted snatches of old tunes;
As one incapable of her own distress,
Or like a creature native and indu’d
Unto that element: but long it could not be
Till that her garments, heavy with their drink,
Pull’d the poor wretch from her melodious lay
To muddy death.

KÖNIGIN
Es neigt ein Weidenbaum sich übern Bach
Und zeigt im klaren Strom sein graues Laub,
Mit welchem sie phantastisch Kränze wand
Von Hahnfuß, Nesseln, Maßlieb, Kuckucksblumen,
Die dreiste Schäfer derber wohl benennen,
Doch unsre Mädchen Toten-Mannes-Finger.
Dort, als sie aufklomm, um ihr Laubgewinde
An den gesenkten Ästen aufzuhängen,
Zerbrach ein falscher Zweig, und nieder fielen
Die rankenden Trophäen und sie selbst
Ins weinende Gewässer. Ihre Kleider
Verbreiteten sich weit und trugen sie
Sirenen gleich ein Weilchen noch empor,
Indes sie Stellen alter Weisen sang,
Als ob sie nicht die eigne Not begriffe,
Wie ein Geschöpf, geboren und begabt
Für dieses Element. Doch lange währt' es nicht,
Bis ihre Kleider, die sich schwer getrunken,
Das arme Kind von ihren Melodien
Hinunterzogen in den schlammigen Tod."

Dann: es gibt so unglaublich viele Referenzen zu Ophelia, wenigstens dieses Stück von Berlioz.


Hector Berlioz, La mort d'Ophélie, Ballade, Text: Ernest Legouvé
hier gefunden

Ich habe schon länger überlegt, wie es dazu kommt, daß literarische Gestalten eine derart eigenständige Kraft zu entwickeln vermögen, wie etwa König Artus oder König Lear oder Donquichotte oder eben Ophelia.

Bei Ophelia ist es, glaube ich, die genaue Beschreibung der Physiognomie eines Schicksals: Die verstrickte Unschuld, das schuldlose Zerbrechen an dem, welchem man nicht gerecht werden kann mit der Reinheit eines einfachen Charakters, der zudem liebt, was ihn zerstören muß. Dann das Zurückweichen in die Natur im Untergang, der Tod als eine gewissermaßen mythisch-natürliche Tröstung, im Tod wird ein Mensch zum Kind, das, mit seinem Schicksal einverstanden, zeitlos und unbeschwert spielen darf, so daß es sogar mit dieser Natur zu einer Stimme verschmilzt, wie ein Quellgeist. Eine perfekte Gestalt für zerbrochene Zeiten.


John William Waterhouse, "Ophelia" (1894)
hier gefunden

Mittwoch, 10. Juni 2009

Ein kleiner Shakespeare-Zusammenstoß

Wo ich heute, ich weiß gar nicht mehr genau wo, jedenfalls war es einer der Orte, die ich für gewöhnlich aufsuche, jemanden habe kühn Shakespeare zitieren sehn, will ich noch die deutsche Übersetzung dazu hier anbringen, damit ich es aus meinem Kopf bekomme:

What is love? 'tis not hereafter;
Present mirth hath present laughter;
What's to come is still unsure:
In delay there lies no plenty;
Then come kiss me, sweet-and-twenty,
Youth's a stuff will not endure.

Was ist die Lieb’? Sie ist nicht künftig;
Gleich gelacht ist gleich vernünftig,
Was noch kommen soll, ist weit.
Wenn ich zögre, so verscherz‘ ich;
Komm denn, Liebchen, küß mich herzig!
Jugend hält so kurze Zeit.

William Shakespeare, „Was ihr wollt“, II,3

Donnerstag, 23. April 2009

Shakespeare



William Shakespeare (*23. April 1564 - † 23. April (jul.) 1616)


„Seyd gutes Muths, unsre Spiele sind nun zu Ende. Diese unsre Schauspieler, wie ich euch vorhin sagte, sind alle Geister, und zerflossen wieder in Luft, in dünne Luft, und so wie diese wesenlose Luftgesichte, so sollen die mit Wolken bekränzte Thürme, die stattlichen Paläste, die feyrlichen Tempel, und diese grosse Erdkugel selbst, und alles was sie in sich faßt, zerschmelzen, und gleich diesem verschwundnen unwesentlichen Schauspiel nicht die mindeste Spur zurüklassen. Wir sind solcher Zeug, woraus Träume gemacht werden, und unser kleines Leben endet sich in einen Schlaf.“

William Shakespeare – „Der Sturm“ oder: „Die bezauberte Insel“, IV,4.
Übersetzt von Christoph Martin Wieland

Freitag, 20. Februar 2009

Leo XIII. & Variationen von Blau



Leo XIII., Joseph II., Johann Heinrich Voß, eigentlich mögen wir zu all diesen heute keine Gedanken haben. Obwohl ich gerade lernen konnte, daß dem ersten Stefan George ein bedeutsames Gedicht gewidmet hat, aber ich fürchte, meine Sympathie für George entschwindet gerade, und Joseph II.: Ich habe eine Ahnung, warum mir jemand (nicht irgend jemand) gestern schrieb, der sei der einzige, den er respektieren könne, nun heute ist der Respektierte schon tot, jedenfalls seit exakt 219 Jahren…

Verweilen wir doch wenigstens kurz in Sommerstorf bei Waren oder in einer meinem derzeitigen Ort benachbarten Kleinstadt namens Penzlin, deren andere Attraktion ein Hexenkeller darstellt, verweilen wir bei Johann Heinrich Voß, der am 20. Februar 1751 geboren wurde. Sein Geburtshaus, lese ich, ist heute das Wirtshaus „Zum Hufschmied“ mit „Tabak- und Pfeifendepot“, und er wird wohl nicht gar so bekannt sein, obwohl er zur überschaubaren Versammlung Mecklenburger Berühmtheiten zählt.

Er hat vor allem William Shakespeare, und mehr noch, Homer den Deutschen näher gebracht, was könnte man rühmenswerteres sagen (übrigens erfahren wir gerade, daß Voltaire Shakespeare nicht mochte, wir ahnten etwas dieser Art und fühlen uns befriedigt bestätigt), aber im Ernst, ein souveräner Mittler von etwas Wertvollem zu sein, das gibt ein Beispiel, vor dem jedes Widerstreben in die Knie geht.

Übrigens, falls jemand die Bilder hier gerade mag, es existieren bessere von verwandter Art, bei "unserem" Mitternachts-Gärtner nämlich, also passenderweise auch in Blau.

Mittwoch, 23. April 2008



Wir sind aus solchem Zeug wie das zu Träumen und unser kleines Leben ist eingehüllt in einen Schlaf.





obiges Bild
Tom Adams, Abendstimmung in Western Cape, Südafrika
gefunden hier