Dienstag, 11. Oktober 2011

Ein wenig über Shakespeare


Nein, keine Angst, zwar etwas über William Shakespeare, aber kaum von mir. Aus den wenigen überlieferten Lebenszeugnissen, wie etwa seinem Testament, springt jemanden keinesfalls etwas Außerordentliches an. Vielleicht gab es einen kaum überbrückbaren Unterschied zwischen dem öffentlichen Shakespeare und dem schreibenden Shakespeare. Letzterer war ein Sprachgenie, das alle Abgründe, Ebenen und Untiefen des Lebens kannte und beschrieb. Ein Mann von psychologischer Tiefenschärfe, der sich in jede denkbare existentielle Situation einzufühlen vermochte.

War er einfach bipolar? Das Charakterbild, das wir aus dem wenigen ablesen können, was nicht zum Werk gehört, ist oft weniger erfreulich oder sagen wir, schwankend, ein nüchterner Geschäftsmann, meist leutselig, wenn auch in einer distanzierten Weise. Kein Wunder, daß irgendwann das Gerücht aufkam, er sei nicht der wahre Autor seiner Stücke gewesen. Wie auch immer. Vielleicht wollte er mit dem Dasein als Schauspieler und Stückeschreiber eben diesem anderen Selbst entfliehen, zeitweise. Schließlich geht es um Verwandlung, auch um ein gewisses Sich-darstellen.

Mir wurde gesagt, mein letzter Eintrag hier wäre etwas kryptisch gewesen. Das ist ganz einfach zu erklären, es gab einen äußeren Anlaß, sich genauer mit Shakespeare zu beschäftigen, ich will damit aber hier nicht langweilen, auch wenn ich das kurz erwogen hatte. Möglicherweise jedoch ist es keine ganz platte Idee, 4 Zitate von ihm anzubringen, die den Geist etwas in Bewegung zu halten vermögen, also:


Purpose is but the slave to memory,
Of violent birth, but poor validity;
Which now, like fruit unripe, sticks on the tree,
But fall unshaken when they mellow be.
Most necessary 'tis that we forget
To pay ourselves what to ourselves is debt.
What to ourselves in passion we propose,
The passion ending, doth the purpose lose.
The violence of either grief or joy
Their own enactures with themselves destroy.
Where joy most revels, grief doth most lament;
Grief joys, joy grieves, on slender accident.
This world is not for aye, nor 'tis not strange
That even our loves should with our fortunes change;
For 'tis a question left us yet to prove,
Whether love lead fortune, or else fortune love.
The great man down, you mark his favourite flies,
The poor advanc'd makes friends of enemies;
And hitherto doth love on fortune tend,
For who not needs shall never lack a friend,
And who in want a hollow friend doth try,
Directly seasons him his enemy.
But, orderly to end where I begun,
Our wills and fates do so contrary run
That our devices still are overthrown;
Our thoughts are ours, their ends none of our own.

Der Vorsatz ist ja der Erinnrung Knecht,
Stark von Geburt, doch bald durch Zeit geschwächt,
Wie herbe Früchte fest am Baume hangen,
Doch leicht sich lösen, wenn sie Reif erlangen.
Notwendig ist‘s, daß jeder leicht vergißt
Zu zahlen, was er selbst sich schuldig ist.
Wo Leidenschaft den Vorsatz hingewendet,
Entgeht das Ziel uns, wann sie selber endet.
Der Ungestüm sowohl von Freud als Leid
Zerstört mit sich die eigne Wirksamkeit.
Laut klagt das Leid, wo laut die Freude schwärmet;
Leid freut sich leicht, wenn Freude leicht sich härmet.
Die Welt vergeht: es ist nicht wunderbar,
Daß mit dem Glück selbst Liebe wandelbar;
Denn eine Frag ist‘s, die zu lösen bliebe,
Ob Lieb das Glück führt, oder Glück die Liebe.
Der Große stürzt, seht seinen Günstling flieh‘n;
Der Arme steigt, und Feinde lieben ihn.
So weit scheint Liebe nach dem Glück zu wählen.
Wer ihn nicht braucht, dem wird ein Freund nicht fehlen,
Und wer in Not versucht den falschen Freund,
Verwandelt ihn sogleich in einen Feind.
Doch um zu enden, wo ich ausgegangen,
Will und Geschick sind stets in Streit befangen.
Was wir ersinnen, ist des Zufalls Spiel,
Nur der Gedank ist unser, nicht sein Ziel.

Hamlet III,2


Ian McKellen, Macbeth V,5
hier gefunden

Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow
Creeps in this petty pace from day to day
To the last syllable of recorded time;
And all our yesterdays have lighted fools
The way to dusty death. Out, out, brief candle!
Life's but a walking shadow, a poor player
That struts and frets his hour upon the stage
And then is heard no more. It is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signifying nothing.

Morgen, und morgen, und dann wieder morgen,
Kriecht so mit kleinem Schritt von Tag zu Tag,
Zur letzten Silb auf unserm Lebensblatt;
Und alle unsre Gestern führten Narren
Den Pfad zum staubigen Tod. Aus, kleines Licht!
Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild,
Ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht
Sein Stündchen auf der Bühn und dann nicht mehr
Vernommen wird; ein Märchen ist‘s, erzählt
Von einem Irren, voller Klang und Wut,
Das nichts bedeutet.

Macbeth V,5


O you heavenly Charmers,
What things you make of us! For what we lacke
We laugh, for what we have, are sorry, still
Are children in some kind. Let us be thankefull
For that which is, and with you leave dispute
That are above our question: Let's goe off,
And beare us like the time.

Ihr Zauberer dort droben, sagt, was macht ihr
Aus uns für Wesen? Laßt bei dem uns lachen,
Was wir entbehren, und bei dem uns trauern,
Was wir haben. Wahre Kinder sind wir!
Doch laßt uns dankbar sein für das, was ist,
Und hadern nicht mit Euch, den über uns
Allmächtig Waltenden. Kommt jetzt mit mir,
Und was die Zeit verlangt, das laßt uns tun!

The Two Noble Kinsmen, "Die beiden edlen Vettern", V,4


Our revels now are ended. These our actors,
As I foretold you, were all spirits and
Are melted into air, into thin air:
And, like the baseless fabric of this vision,
The cloud-capp'd towers, the gorgeous palaces,
The solemn temples, the great globe itself,
Yea, all which it inherit, shall dissolve
And, like this insubstantial pageant faded,
Leave not a rack behind. We are such stuff
As dreams are made on, and our little life
Is rounded with a sleep.

Das Fest ist jetzt zu Ende; unsre Spieler,
wie ich euch sagte, waren Geister und
Sind aufgelöst in Luft, in dünne Luft.
Wie dieses Scheines lockrer Bau, so werden
Die wolkenhohen Türme, die Paläste,
Die hehren Tempel, selbst der große Ball,
Ja, was daran nur teilhat, untergehn;
Und wie dies leere Schaugepräng' erblaßt,
Spurlos verschwinden. Wir sind aus solchem Zeug
Wie das zu Träumen, und unser kleines Leben
Umschließt ein Schlaf.

The Tempest, „Der Sturm“ IV / 1


Loreena McKennitt - Prospero's Speech
hier gefunden

beendet 14. Oktober

Kommentare:

Morgenländer hat gesagt…

Wann immer ich an einen der exqusiten lyrischen Momente in Shakespeares Dramen erinnert werde (wie jetzt), frage ich mich, wie es wohl kommt, dass der 'sweet swan of Avon', der ja doch ein eher konventioneller Lyriker war, in seinen Dramen eine solche Ausdruckskraft erreichen konnte.

Haben Sie (hast Du? Siezen oder Duzen wir uns eigentlich?) eine Idee?

Herzliche Grüße
Morgenländer

MartininBroda hat gesagt…

Sogar einige, obwohl es immer das Geheimnis Shakespeare geben wird, er überragt seine Zeitgenossen doch erheblich, aber das war mit Homer sicher nicht anders. Die wirklich schöpferischen Gipfelpunkte des menschlichen Geistes bleiben letztlich unerklärbar, auch einen Heraklit kann man nicht aus seiner Zeit zusammenaddieren.

Ich habe den letzten Dienstagabend übrigens damit verbracht, genau das Gegenteil beweisen zu wollen, es ging natürlich um die Sonette. Ich kann meine Auswahl und die Übersetzungen ja mal gelegentlich zumailen. Ein Kommentar würde unter entsprechenden Ausführungen aber wohl überlastet zusammenbrechen.

Wenn ich mich recht erinnere, bin ich der Ältere, also liegt es wohl an mir, das "Du" vorzuschlagen.

Beste Grüße zurück.

Morgenländer hat gesagt…

Ja, die Sonette... "When to the sessions of sweet silent thought", "That time of year thou mayst in me behold", "The expense of spirit in a waste of shame" und "Poor soul, the centre of my sinful earth" - ich hatte sie nicht vergessen, und ich schätze sie auch nicht gering - aber dann denke ich an Donnes kühnes Werk, mit dem verglichen der Lyriker Shakespeare eben doch als 'fairly conventional' erscheint (aber vielleicht irre ich mich auch).

Über Ihre Auswahl und Übersetzungen würde ich mich jedenfalls sehr freuen.

War übrigens die Feststellung, dass es an Ihnen ist, mir das 'Du' anzubieten, nun eben so ein Angebot?

Noch im Dunkeln,
Morgenländer

MartininBroda hat gesagt…

Hm, Donne ist ein ernsthafter Einwand, aber das ist ein weites Feld, um ein sehr geläufiges Bild zu benutzen, und übrigens nicht zu vergessen J. Brodskij ("John Donne schlief ein..."). Es geht natürlich um eine Auswahl von Übersetzungen, die ich zusammengeklaubt hatte, ich bin viel zu ungebildet für Derartiges.

Im übrigen: War da ein Konjunktiv? Hm, nein, sehr gut, also war es wohl ein Angebot (das man annehmen kann oder auch nicht) :)

Morgenländer hat gesagt…

Ich bin ja, wie schon mein älterer Bruder vor fünfunddreißig Jahren festzustellen pflegte, ein wenig schwer von Kapee -:)

Auf jeden Fall nehme ich das angebotene 'Du' gern an, lieber Martin.

Das Brodskij-Zitat kannte ich noch nicht; aus welchem Essa ist es?

Viele Grüße
Morgenländer

MartininBroda hat gesagt…

"Elegy to John Donne” - ein großartiges Gedicht, ich habe versucht, einen Link im Web zu finden, war aber bisher nicht erfolgreich.