Samstag, 5. Februar 2011

Über Wind


John William Waterhouse
“Miranda - The Tempest”, 1916
hier gefunden

Wir hatten eine recht stürmische Nacht und es hielt fast den ganzen übrigen Tag so an, ich weiß, daran ist nichts Bemerkenswertes, das hatten viele. Mir fiel wieder ein, wie ich schon als Kind von Stürmen begeistert war. Denn dann lebte ich auf. Das mag seltsam erscheinen, aber ich hatte von Kindes Beinen an den Verdacht, die Welt um mich herum sei irgendwie falsch wie Pappmaché, trügerisch auf jeden Fall. Und bei einem starken Sturm verschwand dies, auch bei anderen Gelegenheiten, etwa einer strengen Frostnacht. Diese Art von Realitätseinbruch gab so etwas wie Zutrauen zur Wirklichkeit und machte die Welt wieder merkwürdig vertraut.

Es gibt Realitätseinbrüche unterschiedlichster Art, etwa auch einen durchstandenen Alptraum, der einem beim Erwachen schlagartig die Illusion der Normalität bewußtmacht, da er verstörend wahr war. Dann lieber einen Sturm. Ein Sturm löst uns etwas vom Alltag und zeigt, wie fragil dieser ist, er befreit auch, läßt einem an der Stimmung teilhaben, etwas von Bedeutung würde gerade geschehen. Wenn wir die Elementargewalten spüren, dann erleben wir die Dinge wieder in ihrer Ordnung und werden daran erinnert, all dies ist kein idyllischer Ort, nur vorübergehend vielleicht.

Man findet übrigens erstaunlich viel eher schlechte Gedichte auch von bekannteren Dichtern über Stürme, seltsam. Die nachfolgenden gehören nicht dazu (und das letzte ist gar keines darüber), ich hätte kürzlich etwas über Trakl und Hermann von Pückler-Muskau schreiben sollen, aber für Trakl war ich nicht in der Stimmung und über den Fürsten Pückler habe ich schon mehrfach versucht etwas zu schreiben, das Problem ist dabei, Gärten erschließen sich beim Erwandern, lassen sich aber furchtbar schlecht abbilden.



Annette von Droste-Hülshoff

Am Turme


Ich steh auf hohem Balkone am Turm,
Umstrichen vom schreienden Stare,
Und laß gleich einer Mänade den Sturm
Mir wühlen im flatternden Haare;
O wilder Geselle, o toller Fant,
Ich möchte dich kräftig umschlingen,
Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand
Auf Tod und Leben dann ringen!

Und drunten seh ich am Strand, so frisch
Wie spielende Doggen, die Wellen
Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch,
Und glänzende Flocken schnellen.
Oh, springen möcht’ ich hinein alsbald,
Recht in die tobende Meute,
Und jagen durch den korallenen Wald
Das Wallroß, die lustige Beute!

Und drüben seh ich ein Wimpel wehn
So keck wie eine Standarte,
Seh auf und nieder den Kiel sich drehn
Von meiner luftigen Warte;
Oh, sitzen möcht’ ich im kämpfenden Schiff,
Das Steuerruder ergreifen,
Und zischend über das brandende Riff
Wie eine Seemöwe streifen.

Wär’ ich ein Jäger auf freier Flur,
Ein Stück nur von einem Soldaten,
Wär’ ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der Himmel mir raten;
Nun muß ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,
Und darf nur heimlich lösen mein Haar,
Und lassen es flattern im Winde!


(c) Walter A. Aue

Heinrich Heine

Der Sturm spielt auf zum Tanze

Der Sturm spielt auf zum Tanze,
Er pfeift und saust und brüllt;
Heisa! wie springt das Schifflein!
Die Nacht ist lustig und wild.

Ein lebendes Wassergebirge
Bildet die tosende See;
Hier gähne ein schwarzer Abgrund,
Dort türmt es sich weiß in die Höh'.

Ein Fluchen, Erbrechen und Beten
Schallt aus der Kajüte heraus;
Ich halte mich fest am Mastbaum
Und wünsche: Wär ich zu Haus.

Buch der Lieder

"Secret Sadness" by roosterjoe, The Weather Underground
Dungeness, United Kingdom
hier gefunden

Theodor Storm

Meeresstrand

Ans Haff nun fliegt die Möwe,
Und Dämmerung bricht herein;
Über die feuchten Watten
Spiegelt der Abendschein

Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer.

Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen -
So war es immer schon.

Noch einmal schauert leise
Und schweigt dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.

Kommentare:

Rosabella hat gesagt…

... ein ergreifend schöner Post, dankeschön ... und auch dafür, dass Sie uns von sich erzählen!

MartininBroda hat gesagt…

Schön, daß es Ihnen gefallen hat, ich wollte wohl einmal etwas tiefsinniger erscheinen :) jetzt, wo ich es wieder lese, ist es mir übrigens fast zu persönlich geworden, aber gut.