Dienstag, 10. November 2015

Helmut Schmidt, persönliche Notizen



Wenn man seiner Seele endlich Luft machen muß, scheint sie ja noch vorhanden zu sein. Es geht schlicht zu tief zurück. Nun hat er es doch nicht an einem 9. November getan, sondern einen Tag später, soviel Takt selbst im Sterben.

Nachdem hinreichend Beiträge der so bildungsfern wie überzeugungsgewissen Zeitgeistpolitiker zu ertragen waren, falls man z.B. bedrucktes Papier in die Hand nahm (man sollte die innere Leere, und vielleicht sogar Bitterkeit nicht überhand nehmen lassen, eine Selbstermahnung). Die leicht dahin parlierende FAZ etwa legte ich angewidert in das Regal des Supermarkts zurück (nachdem ich die Artikel überflogen hatte, mein Gott, was ein Abstieg, früher habe ich u.a. das Feuilleton in Kisten gepackt und bei Umzügen mitgeschleppt, nu stehen die Reste davon auf dem Boden, mehrere Stockwerke entfernt, wie gut, daß es ein großes Haus ist).

Aber die Sonderausgabe der Zeit hat mich verblüfft, und auf eine Art Gedankenreise geschickt. Die durch Namen kenntlich gemachten aufdringlichen Autoren konnte man ja überblättern. „Totalitär denkt, wer eine philosophisch ausgebrütete 'Wahrheit' direkt in Politik umsetzen und einer Gesellschaft aufzwingen will.“ (Es ist ja nicht vorbei, wo allerorts schon wieder neu-stalinistische Volksgerichtshöfe gedanklich vorbereitet werden)

Herr Assheuer schrieb über Popper, wo Marx als falscher Prophet seinen Auftritt als orakelnder Philosoph habe, der sich über die Realitäten hinweg in ein totalitäres Gemeinwesen hineinspekuliere. Jedes Grand Design sei verdächtig, jeder Großentwurf aus dem utopischen Wolkenkuckucksheim. Politik ziele nicht auf die Förderung von Glück, sondern die Vermeidung von Leid. Sie bringe nicht Erlösung, sondern Erleichterung.

Sein Glaube an die Vernunft hat mindestens etwas Religiöses, aber immerhin das. Je mehr ich ihn wieder hörte oder las, verwandelte sich meine lange zu Respekt geronnene Zuneigung der frühen Jahre erneut zu etwas Lebendigem. Auch zu („physischem“ ist nicht übertrieben) Erschrecken vor der Gegenwart, die einem doch längst so abstoßend geworden ist. Aber jetzt ist man um so gewisser, warum.

Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er.
Römer 12,7

Erst ist dem Herrn Bundeskanzler seine Partei abhanden gekommen, und dann wollte die Situation auch nicht zu ihm finden, zu der er doch so viel besser als die meisten vorbereitet war. Gott hatte Vorbehalte, oder war abgelenkt (das muß Er mit sich ausmachen), er (Herr Schmidt) war sowieso skeptisch gegenüber denen, die Ideale vor sich her trugen (obwohl selbst das zu kurz gegriffen ist).

Vielleicht hätte er daher diese Idee des guten Staatsmanns auch nur schweigend beiseite getan. Aber daß da jemand intensiv denkend aus tiefer Charakterbildung mit sich rang und anschließend verantwortlich handelte, das wieder ins Bewußtsein gehoben zu bekommen, ist überwältigend und bestürzend. Denn da sitzen wir nun, es wurde von Jahr zu Jahr schlimmer mit dem nachfolgend handelnden Personal.

Ich wollte es erst in die Präliminarien schieben, da meine einzige ernsthafte Begegnung (nun ja) mit ihm 1988 auf einem Rostocker Kirchentag stattfand (die erste Stadt, die ich als Heimat empfand). Also, wozu das hier. Warum solche Aufdringlichkeit? Nun, es gibt Menschen, die rühren in einem wieder das lange verschüttete Ernsthafte hervor. Und ja, man erschrickt. Man ahnt, wozu das Wort Diskurs einmal erfunden wurde, und anderes auch. Wir sehen keine Charaktere mehr. Es sind nur noch Puppen, wer immer sie spielt. Zwischendurch dachte ich, das ist Altersnostalgie. Nein.

Er ging mir mit seinen Meinungen mehr als einmal, je länger es dauerte, auf die Nerven: War Europa seine Erlösungsphantasie? Man schreckt ja davor zurück, Derartiges auszusprechen, aus Respekt gegenüber einem  unübersehbar vernunftgeleiteten Menschen, und erinnert sich im selben Moment, daß jeder Widerspruch im Respekt beginnen sollte, wenn der eine Grundlage hat. Weiß Gott, das hat er. Das Göttliche hatte sich jedoch, nach seinen verstandenen Worten, ihm fast vollständig verflüchtigt. Das bleibt verstörend.

Das solle eigentlich alles in die Präliminarien, erst das Persönliche und dann das andere, aber das funktioniert nicht, und nun sollte aber besser auch Schluß sein.

Ich finde die Bilder aus Rostock von 1988 nicht! Ich weiß, daß sie hier noch irgendwo vergraben sein müssen. Der jetzige Inhaber des Amtes des Bundespräsidenten erinnerte von seiner Rede in der überfüllten Marienkirche voller euphorischer Menschen, jeder wisse, daß wir eine
Aufhebung der Teilung nicht erzwingen könnten. Aber: „Und trotzdem darf jeder von uns an seiner Hoffnung auf ein gemeinsames Dach über der deutschen Nation festhalten.“

Ich habe mich nach und nachzurückfinden können in diese Erinnerung. Und auch an dieses. Jemand schrieb, er habe sich sein Leben lang als Soldat begriffen.

Dazu paßt eine Begebenheit, die ich kaum erfunden haben kann. Auf besagtem Kirchentag erzählte er, er und seine Frau hätten erst vor dem Grenzübergang bemerkt, daß sie ihre Pässe vergessen hatten. Ein Umkehren, um sie zu holen, wäre sinnlos gewesen, sie hätten es nicht mehr pünktlich geschafft. Sie fuhren dann trotzdem bis zum Grenzposten, erklärten die Situation. Es gab Verwirrung natürlich, aufgeregte Telefonate und dann die Weiterfahrt nach dem merkwürdigen Satz:

„Herr Bundeskanzler! Keine besonderen Vorkommnisse“.

Dieser Standard-Satz war eigentlich deren eigener Kommandokette vorbehalten. Aber vielleicht verwechsle ich da auch etwas.

Und wer sich wirklich rühren lassen will, werfe einen Blick hierher.

nachgetragen am 12. November

Kommentare:

Walter A. Aue hat gesagt…

Manchmal findet man einen Menschen, der einem das Menschsein - und oft ganz ploetzlich und auf zutiefst menschliche Weise - in Erinnerung ruft.

Meinungen, nun ja, ueber die kann man vermittelbar verschiedener Meinung sein. Aber die Seele, so man sie zu sehen vermag, ist unmittelbar.

Und das vergessene Goettliche? Das mag so sein, wie die Episode an der Grenze. "Keine besonderen Vorkommnisse". Mit dem Zusatz beim Ueberschreiten der Grenze, "wer immer strebend sich bemueht, den koennen wir erloesen".

Danke fuer die zutiefst menschlichen Worte!

MartininBroda hat gesagt…

Lieber Herr Prof. Aue: Wir hatten ja hier gewissermaßen nach seinem Dahinscheiden Schmidt-Festspiele auf allen Kanälen. Das heißt aber auch, wenn man die Gegenwärtigen wegfilterte, eröffnete sich einem die Chance, ihm noch einmal sehr kompakt selbst zuzuhören. Was ich tat. Und da trat bei mir nicht nur merkwürdiges Wiedererinnern der einstigen Sympathie ein, nein, mir wurde auch wieder bewußt, woraus sie resultierte. Und der Abstieg danach. Es ist also auch ein Text der gewissermaßen Entgeisterung nach der unmittelbaren intensiven Wiederbegegnung. Daher dieser vielleicht zu exaltierte Tonfall.

Mir wurde zu bewußt, wie sehr wir schlicht auch nur in Sachen Bildung, Sprache, Haltung, Charakter bei den handelnden Akteuren politischerseits heruntergekommen sind. Da geht es noch nicht einmal um Positionen, die man berechtigterweise einnehmen kann. Ob die gegenwärtigen den Unterschied von Gesinnungs- und Verantwortungsethik innerlich je begriffen haben, bei den meisten bezweifle ich das. Um nur anzudeuten. Es sind gruselige Zeiten. Es freut mich, daß etwas von dieser Bewegtheit spürbar wurde.

M.W.

MartininBroda hat gesagt…

Und da wir offenkundig wieder E-Mail-Probleme haben - in Sachen Blake meine kurze erste Antwort hier nachgetragen:

Lieber Herr Prof. Aue, was für eine interessante sehr frühe Morgenlektüre. Ich bin noch ganz benommen. Herzlichen Dank.

Ihr Martin Wisser